
EU: „Handlungsfähigkeit“ für den Krieg

Auffällig ist dabei, wie eng die Kommission »Handlungsfähigkeit« definiert. Der Vorschlag baut eine dauerhafte Finanzierungsschiene für militärische Unterstützung auf – Aufrüstung, Beschaffung, Kriegsfinanzierung. Vergleichbare Priorität für Deeskalation, Diplomatie, zivilen Wiederaufbau oder eine nachhaltige Sicherheitsarchitektur ist nicht erkennbar. »Sicherheit« wird damit praktisch auf Kriegslogik verengt, Alternativen bleiben politisch nachgeordnet. Für einen neutralen Staat wie Österreich jedenfalls ein völkerrechtliches Problem.
Ein Kreditpaket dieser Größenordnung schafft planbare Zahlungsströme für Rüstungsproduktion, Munition und Logistik – und damit einen Pfad, der mittelfristig auf höhere Verteidigungsausgaben und Budgetdruck hinausläuft. Die eigentliche Frage lautet dann nicht mehr, ob Geld da ist, sondern wofür es da ist: Für Aufrüstung und sicherheitspolitische Industrieprogramme – oder für Löhne, Mieten, Gesundheit, Pflege, Bildung, Klimaschutz und Infrastruktur.
Auch organisatorisch wird dieser Kurs verfestigt. Der Kredit ist nicht nur »Hilfe«, sondern ein
Steuerungsinstrument, das militärische Beschaffung langfristig planbar macht – inklusive der Frage,
wer liefert und wer profitiert. Unterstützung wird so gleichzeitig zu einem Programm, das
Auftragsvolumen, Produktionskapazitäten und Lieferketten der Rüstungsindustrie stabilisiert und
ausweitet. Während in anderen Bereichen um jede Budgetzeile gerungen wird, entstehen –
zugunsten des militärisch-industriellen Komplex – neue Selbstverständlichkeiten: Was militärisch
»lieferfähig« sein soll, bekommt politische Priorität – und öffentliche Budgets tragen am Ende
Preis- und Verfügbarkeitsrisiken, während Gewinne privatisiert werden. Schritt für Schritt wächst
eine Logik, in der militärische Leistungsfähigkeit nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch zur
dauerhaften Leitlinie wird.
Parallel versucht die EU, das transatlantische Verhältnis wirtschaftlich »abzusichern« – über das
Handels-Framework mit den USA von August 2025. Kernpunkt ist eine massive Energiebindung:
Die EU will US-LNG, Öl und Nuklearprodukte bis 2028 in einem erwarteten Umfang von 750
Milliarden Dollar abnehmen. Das wird als »Versorgungssicherheit« verkauft, ist aber
sicherheitspolitisch wie sozialpolitisch gleichermaßen brisant: Energieimporte dieser
Größenordnung wirken auf Preisbildung, Industrie- und Stromkosten – und damit auf
Lebenshaltung, Mieten, Transport und öffentliche Budgets. Je stärker Europa Energieversorgung als
geopolitische Beschaffungsfrage organisiert, desto mehr werden Preisrisiken und
Infrastrukturentscheidungen zur Verteilungsfrage: Wer trägt wohl die Kosten?
Zusammengenommen entsteht ein Kurs, der Stabilität und Sicherheit nicht über soziale Resilienz, öffentliche Investitionen oder ökologische Transformation definiert, sondern über Energie- Importbindungen, Technologieblockbildung und militärische Beschaffung.
Am Ende steht eine doppelte Hilflosigkeit. Einerseits redet man von »strategischer Autonomie«, aber nicht im Sinne eines friedenspolitischen Projekts oder kooperativer Sicherheitsarchitektur, sondern als vermeintlicher Fähigkeit zur globalen Konkurrenz: Rohstoffe, Abschottung, Aufrüstungsfähigkeit.
Andererseits übt sich die EU praktisch in Unterordnung unter eine US-Politik, die den Konflikt zunehmend in einer »America First«-Logik denkt: Druck auf Verbündete, Isolationismus, hegemoniale Ansprüche, Erneuerung der Monroe-Doktrin.
So wird EU-Außenpolitik, wie auch Industriepolitik Schritt für Schritt zu einer Mischung aus
Kreditmechanik, geopolitischer Ein- und Unterordnung, Beschaffungslogik und Rüstungs-
Industrieprogrammen – mit entsprechenden gesellschaftlichen und sozialpolitischen Folgen für die
Mitgliedsstaaten: Wenn »Sicherheit« fast ausschließlich in der Perspektive von Aufrüstung und
imperialistischer Blockdisziplin verstanden wird, ist einerseits der »große Krieg« nicht mehr weit,
andererseits entstehen auch automatisch gesellschaftliche Verteilungskonflikte – wobei diese gleich
im Sinne bestimmter Kapitalfraktionen entschieden werden: Die entsprechenden politischen und
ökonomischen Prioritäten binden Mittel, erhöhen langfristig den Budgetdruck und verschieben
politische Aufmerksamkeit weg von sozialer Stabilität: Weg von leistbarem Wohnen, Pflege,
Gesundheit, Bildung, öffentlichem Verkehr und einer echten ökologischen Transformation.
Günther Hopfgartner
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