
Wer an der Kasse steht, spürt die Teuerung in voller Härte. Aber wie geht es eigentlich all jenen, die hinter der Kasse sitzen und die teuren Lebensmittel in die Regale schlichten? Eine Reportage zu den Arbeitsbedingungen im Lebensmittelhandel.
Die Rekordpreise in den Supermärkten führen zu Rekordprofiten bei den Lebensmittelkonzernen. Aber bei den Beschäftigten im Lebensmittelhandel kommt nichts von den enormen Preissprüngen an. Verglichen mit dem täglichen Einkauf haben Angestellte im Handel von 2021 auf 2025 deutlich niedrigere Lohnsteigerungen erhalten. So viel niedriger, dass ihnen ein ganzes Monatsgehalt pro Jahr fehlt, wenn sie im Supermarkt einkaufen gehen.
Weniger Stunden heißt mehr Profit
Aber nicht nur enorme Reallohn-Verluste machen den Beschäftigen zu schaffen. Ein Beschäftigter an der Fleischtheke erzählt, dass selbst langjährige Mitarbeiter:innen in die Teilzeit gezwungen werden. “Wir kriegen einfach weniger Stunden. Gleichzeitig wurde der Personalstand hart zurückgefahren, immer weniger Leute müssen immer mehr Aufgaben erledigen”. Am Samstag ist es hier ab 13:00 sowieso üblich, unterbesetzt zu arbeiten – der Hintergrund ist, die Samstags-Zulage soll eingespart werden.
Aus anderen Filialen berichtet ein Mitarbeiter von ähnlichen Missständen, vor allem für migrantische Arbeitskräfte. “Es fällt einfach auf, dass Menschen, die schlechter Deutsch sprechen, öfter über den Tisch gezogen werden.” Es geht vor allem um Zuschläge für Feiertagsarbeiten, die erst ab einer bestimmten Stundenzahl fällig werden. Dabei würden Mitarbeiter:innen oft wenige Minuten vor dieser Grenze nach Hause geschickt, um den Zuschlag oder einen zusätzlichen freien Tag einzusparen.
Abhängigkeit und Ausbeutung
Oft helfen bessere Informationen über die eigenen Rechte nur bedingt. Denn die betroffenen Beschäftigten sind von diesem Arbeitsplatz so abhängig, dass sie auch Arbeitsrecht-Brüche schlucken. Einseitige und unabgesprochene Dienstplanänderungen kommen öfter vor – und werden von vielen Beschäftigten hingenommen. Wenn sie nicht mitspielen, so heißt es, finde sich schnell jemand, der größere Bereitschaft zeigt. Oder es wird gratis Arbeit erzwungen, eine Stunde früher da sein, vorbereiten und herrichten, eine Stunde später gehen, weggräumen und das unbezahlt. Auch mit Druck: Andere machen das, warum du nicht? Viele gehorchen, aus Angst, gegangen zu werden.
Ein früherer Mitarbeiter großer Lebensmittelketten, der heute im spezialisierten Fachhandel arbeitet, erzählt davon, dass unter der Filialleitung Mitarbeiter:innen häufig nicht über die Beschäftigungsgruppe C laut Kollektivvertrag hinauskommen – obwohl sie vereinzelt bis regelmäßig Aufgaben übernehmen, die höheren Beschäftigungsgruppen zugewiesen sind. Die Beschäftigungsgruppe C umfasst standardisierte Aufgaben nach Vorgabe eigenständig zu bearbeiten, Kundenkontakt zu pflegen und grundlegende Fachkenntnisse. Die oft von Mitarbeiter:innen übernommene Tresorverantwortung zum Beispiel fällt mindestens in die Beschäftigungsgruppe E. Diese Mitarbeiter:innen werden also regelmäßig unter ihrem Aufgabenprofil bezahlt.
Überarbeit und Solidarität in der Filiale
Teilzeitbeschäftigte, die das wegen Betreuungspflichten brauchen, kommen selten ohne Überstunden durch die Woche. Dabei heißt Teilzeit im Übrigen nicht mehr freie Tage – trotz niedriger Stundenzahl werden Beschäftigte häufig fünf Tage die Woche eingeteilt. Gerade für viele Frauen in dem Beruf eine erhebliche Zusatzbelastung: Trotz Teilzeit wird hier Vereinbarkeit von Lohnarbeit und Sorgearbeit klein geschrieben.
Auch wenn man bei körperlicher Schwerarbeit vor allem an die Bauwirtschaft denkt: Mitarbeiter:innen im Lebensmittelhandel müssen regelmäßig mehr als eine Tonne Ware pro Tag verladen oder einräumen. Rückenbeschwerden sind normal in diesem Beruf. Ein Beschäftiger erzählt, dass er nicht bemerken würde, dass auf körperliche Beschwerden bei der Dienstplaneinteilung Rücksicht genommen würde – er könne aber für seine Filiale sagen, dass sich die Kolleg:innen untereinander so unterstützen würden, dass die schwersten Arbeiten nicht von Beschäftigen mit Rückenproblemen erledigt werden.
Teile und herrsche
Trotz dieser Solidarität wären aber auch Konflikte unter den Beschäftigten eine häufige Folge der Arbeitsverhältnisse. Durch Einsparungen würde die Belastung auf Kosten der Mitarbeiter:innen nach oben geschraubt, da werde nicht selbstverständlich nach oben geschaut. Zusätzliches Personal kommt nur dann, wenn es gar nicht anders geht.
Darüber hinaus gibt es auch deutliche Unterschiede in der Behandlung von Mitarbeitergruppen. Dort, wo es diese Trennung gibt, werden Lagermitarbeiter:innen von den höheren Ebenen am schlechtesten behandelt. Bei den Speditionsfahrer:innen geht die Entwicklung in die gleiche besonders prekäre Richtung wie bei scheinselbstständigen Lieferdienst-Fahrer:innen: Sehr unrealistische Zeitpläne, und wenn sich etwas nicht ausgeht, wirst du bestraft. Deshalb ist der Beschäftigen-Wechsel in diesem Bereich besonders hoch.
Was tun?
Trotz all dieser Missstände sehen viele Mitarbeiter:innen wenig Veränderungspotential. Sich als Einzelner auf die Hinterbeine zu stellen kann schon etwas bringen, am Gesamtzustand ändert das aber nichts. Manche Beschäftigten haben von ihren Betriebsrät:innen noch nie etwas gehört, obwohl sie seit mehreren Jahren im Betrieb beschäftigt sind. Dabei wäre der Betriebsrat in vielen Fällen der erste Ansprechpartner. Gerade bei falschen Einstufungen im Kollektivvertrag sollte der Betriebsrat eine Überprüfung durchführen. Weitere Anlaufstellen sind die GPA und die Arbeiterkammer.
Dringend geraten wird auch, über unbezahlte Überstunden und ähnliches selbst Arbeitsaufzeichnungen zu führen. Und auch in einigen Beratungsstellen der KPÖ und des GLB kann Hilfe gesucht werden.


