NACHRUF

"Wer die Menschen liebt, muss sehr stark hassen, was sie unterdrückt." Ein Nachruf auf Jean Ziegler

Library Am Guisanplatz, Collection Rutishauser) CC BY-SA 4.0 via Wikicommons

Anhänger von Che Guevara und UNO-Sonderberichterstatter, Kommunist laut Selbstbezeichnung und aufrechter Sozialdemokrat, Freund der Verdammten dieser Erde und Bankenfeind, Autor und Aktivist: Jean Ziegler war ein prägender Intellektueller, Gesprächspartner für soziale Bewegungen und Kritiker des Kapitalismus.

Ein Leben im Kampf gegen die „kannibalische Weltordnung“

Die weltweite Linke und alle progressiven Bewegungen trauern um einen unserer unermüdlichsten Mitstreiter: Jean Ziegler ist im Alter von 92 Jahren den Folgen einer Parkinson-Erkrankung erlegen. Mit ihm verliert die Menschheit einen der profiliertesten Kapitalismuskritiker, einen manischen Autor, einen mutigen Bankenfeind und vor allem eine wegweisende Leitfigur für soziale Bewegungen, Gewerkschaften und Befreiungskämpfe weltweit.

Vom Chauffeur von Che zum Kämpfer im „Herzen der Bestie“

Zieglers politischer Kompass wurde früh eingenommen. Unvergessen bleibt die Anekdote aus dem Jahr 1964, als der junge Schweizer in Genf als Chauffeur für Ernesto „Che“ Guevara fungierte. Auf Zieglers Bitte, sich der kubanischen Revolution anschließen zu dürfen, erteilte ihm der Comandante eine historische Abfuhr: Er solle hier bleiben, im „Herzen der Bestie“, und dort kämpfen, wo er sei.

Jean Ziegler nahm sich diesen Rat zeitlebens zu Herzen. Er wählte den Weg der „subversiven Integration“ in die Institutionen. Als Soziologe, Genfer Nationalrat für die Sozialdemokraten und später als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung sowie Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des Menschenrechtsrats nutzte er jede Bühne, um den Herrschenden den Spiegel vorzuhalten.

„Ein Kind, das am Hunger stirbt, wird ermordet.“

Dieser weltberühmte Satz Zieglers fasst das Elend des globalen Systems zusammen. Er zeigte unmissverständlich auf, dass der Hungertod in einer Welt des Überflusses kein Naturereignis ist, sondern das Resultat struktureller Gewalt. Ganz im Sinne eines seiner Mentoren, Jean-Paul Sartre, betonte er stets, dass es gilt, das Was zu bekämpfen – die mörderischen Strukturen der kapitalistischen Weltordnung – nicht nur das Wer.

Unbeugsam gegen das Finanzkapital

Ziegler legte sich mit mächtigen Akteuren des globalen Kapitals an: den Schweizer Banken und den Spekulanten. Seine kompromisslose Haltung brachte ihm nicht nur die Feindschaft des bürgerlichen Establishments ein, sondern auch dutzende Klagen, die ihn Zeit seines Lebens immer wieder an den Rand des finanziellen Ruins trieben. Während Kritiker ihm vorwarfen, er schieße „oft übers Ziel hinaus“, wussten die Unterdrückten dieser Erde: Er schoss nie daneben.

Er lebte uns vor, was internationale Solidarität bedeutet. Für ihn war es ein historischer Zufall der Geburt, dass wir im globalen Norden in relativem Wohlstand leben, während die „Verdammten der Erde“ (Frantz Fanon) im globalen Süden unterdrückt werden. Aus diesem Zufall leitete er eine unerschütterliche Pflicht zur Solidarität ab.

Sein Vermächtnis für uns

Für die KPÖ und für alle, die an eine gerechtere Welt ohne Ausbeutung glauben, bleibt Jean Ziegler in lebendiger Erinnerung. Er hat gezeigt, dass der Kampf auf der Straße, in den Gewerkschaften und die Arbeit in den Institutionen sich produktiv ergänzen müssen.

Sein Credo bleibt unser Auftrag: Der gemeinsame Kampf für Gerechtigkeit ist das eigentliche sinnstiftende Element im Leben. Wir werden Jean Ziegler vermissen, aber seine Ideen und seine Bücher werden weiterhin als Waffen im Kampf für den Sozialismus dienen und uns Inspiration und Anstoß sein.

Unser tiefes Mitgefühl gilt seinen Weggefährten, Freunden und seiner Familie: Hasta la victoria siempre, Jean Ziegler!