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Sigi Maron: »… redd mit an jedn«

Sigi Maron am Volksstimmefest im Jahr 1982

Am 14. Mai dieses Jahres wäre Sigi Maron, Musiker und Aktivist, achtzig Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass erschien die Anthologie »Redn kaun ma boid« und wurde im Wiener Rabenhof Theater mit großem Nachdruck präsentiert. Eine Nachbetrachtung von Rainer Krispel.

Ein »Sigi Maron Lesebuch«, zu dem sich das im Mandelbaum Verlag erschienene Buch im Untertitel treffend erklärt, verlangte konsequenterweise nach einem bunten Abend der anderen Art. Bei freiem Eintritt im mehr als gut besuchten »urbanen Volkstheater im Gemeindebau« reflektierte das über zwei dichte Stunden dauernde Programm die ungeheure Vielfalt dessen, wer alles und wie Sigi Maron war. Und wie viele Menschen er dabei nachhaltig beeinflusst und berührt hat.

Neundlinger, Attwenger, Rotifer …

So umfasste die Liste der auftretenden Gratulant: innen natürlich Musiker:innen wie die vielen Stimmen des Badener Kammerchors – Sigi Maron lebte mit Frau Ingrid und Familie in Baden –, Beatrix Neundlinger von den Schmetterlingen, HP Falkner von Attwenger oder Robert Rotifer ebenso wie Birgit Denk. Diese erhob nicht nur singend die Stimme für eines ihrer erklärten künstlerischen Vorbilder, sondern moderierte den Abend gemeinsam mit dem Autor dieser Zeilen. Nicht zu vergessen auch die Wort-Beiträge, wie jene von Heidi List, die als ehemalige Arbeitskollegin bei der Plattenfirma BMG Ariola, wo Sigi Maron in den 1990ern in der EDV berufstätig war, ihren Nicht-Nachruf »Oaschpartie« las, entstanden drei Tage nach Sigi Marons Tod am 18. Juli 2016.

Babler: »Der Sigi wo aka Hosenscheisser«

Nina Aigner von der KPÖ und dem Volksstimme- fest (eine für Sigi ganz wichtige, bis heute dynamische Institution, mit nach ihm benannter Bühne) und Andreas Babler, Bundesparteivorsitzender der SPÖ, der seinen Text im Buch treffend mit »Der Sigi wo aka Hosenscheisser … « übertitelte, kamen in Interviews zu Wort. Erich Fenninger, Geschäftsführer der Volkshilfe Österreich, lieferte mit einer Rede gegen Ende des Abends abermals inhaltliche Substanz, machte hörbar, dass die herrschenden Verhältnisse dringend und immer menschlicher Korrektur bedürfen. Davor schon performten Mieze Medusa und Yasmin Hafedh ihren Battle-Rap »Faschimus ist keine Meinung«, der treffender nicht enden könnte: »Das geht an alle, egal ob jung oder Senioren/Jeder Mensch ist frei und gleich an Würde und Rechten geboren.«

Turrini, Heller, Wecker …

Es ist neben den Akteur:innen Margit Niederhuber und Walter Gröbchen als Herausgeber:innen des Buches zu verdanken, dass der Abend mit Sensibilität und Offenheit begangen wurde. Als Verneigung vor einem Menschen und einer Biographie, statt lediglich als Gala der prinzipiellen linken Heldenverehrung und eines sentimental berührten kollektiven Wohlfühlens. Durch Zuspielungen von Sigi Maron selbst und verlesene Grußadressen von Peter Turrini und Andre Heller wurde die Dimension der Arbeit und der Person Sigi Maron manifest. So war es Konstantin Wecker offensichtlich ein Anliegen, transparent zu machen, dass er, anders als geplant, an diesem Abend nicht teilnehmen konnte – seine zugespielte intensive Interpretation von »flusslandschaft mit zwa buchstaben«, einem Lied, dessen Musik er mit Maron zu dessen Text geschrieben hatte (Wecker produzierte 1985 das Maron-Album »Unterm Regenbogen«), berührte selbst ausgewiesene Wecker-Skeptiker. Aus einem Livemitschnitt vom Volksstimmefest geht hervor, wie gut sich die reggaelastige Zusammenarbeit Marons mit den Rock Steady Allstars ausgegangen ist.

Internationalistischer Austropop aus dem Rollstuhl

Und natürlich sprach der Musiker, der Sänger und Texter Sigi Maron ganz vernehmbar an diesem Abend. Wobei in den so unterschiedlichen Zugängen und Auslegungen der ihn interpretierenden Künstler:innen eines durchgehend deutlich wurde – bei aller immer noch immanenten Kraft der »ballade von ana hoatn wochn« ist Sigi Maron in seinen Liedern eben nicht und nie ausschließlich der politisch motivierte derbe Kampf-Barde, sondern er vermag ganz zart und fein zu sein, wenn er Liebe oder Alltag beschreibt. Manche seiner Lieder und Texte sind bis heute ein Höhepunkt von Poesie und Literarik im Austro-Pop – Ursache ist dafür vielleicht, dass seine Musik aus einer internationalistischen Haltung gespeist war, dass Sigi Maron der kleinen und der großen Welt, dem Persönlichen und dem Politischen immer ganz begegnete, sich der Fragmentierung von Handeln und Denken da wie dort verschloss. Es geht um etwas. Es geht immer ums Ganze.

Diese mitunter verblüffende Vollständigkeit lässt einen vielleicht übersehen, welche Herausforderungen der 1944, noch im Zweiten Weltkrieg, geborene Sigi Maron in seinem Leben zu bewältigen hatte. In »Redn kaun ma boid« findet sich ein Text, der aus einem Gespräch mit Erwin Riess stammt. Dieser, 2023 verstorben, war wie Maron auf den Rollstuhl angewiesen: »Sigi [erkrankte] in den Sommerferien 1956 an der Kinderlähmung. Es war die letzte große Epidemie, an der viele Kinder starben. Die ersten Impfungen gab es erst zwei Jahre später.« Die Gitarre bekam Sigi Maron im Alter von 13 Jahren zur Stärkung seiner linken Hand.

Warum?

Vielleicht lässt es sich damit einigen Fragen, die der Abend und das weiterführende Nachdenken über Sigi Maron als politischen Künstler und Menschen aufwerfen, anders begegnen. Was hat der bekennende Zugehörige der Arbeiterklasse Sigi Maron – »Papa war stolz darauf, ein Prolet ge- nannt zu werden« – mit Andre Heller, dem turbogroßbürgerlichen Künstlersubjekt samt Bediensteten im Haushalt gemein? Warum muss so ein Abend sein Publikum um Spenden bitten, um den Musiker:innen eventuell etwas bezahlen zu können? Geht es an, in solch Zusammenhang dem Spitzenkandidaten einer Großpartei im Wahlkampf ein Forum zu bieten? Oder, anders gesehen und gefragt, warum gibt es nicht viel mehr beiläufigen Dialog und Berührungspunkte zwischen Künstler:innen und Spitzen-Politiker:innen jenseits großrepräsentativer Angelegenheiten? Warum muss eine Sigi Maron Best Of auf einem Major Label bei einem Konzern erscheinen, der zeitnahe Dutzende Mitarbeiter:innen »freistellt«? Warum wird nicht darüber geredet, dass musikalische Genoss:innen von Sigi Maron für fragwürdige Lebensmittelkonzerne Werbe-Jingles schreiben oder sich »künstlerisch« vor den Karren eines fragwürdigen niederösterreichischen Energie-Konzerns spannen lassen?

Was Sigi Maron vielleicht mehr als alles verkörperte – Dinge anzusprechen und zu thematisieren. Gerade, wenn es schwerfällt und, nicht zuletzt, eine/n selbst fordert. Deshalb: Leckt ́s mi am Oasch, wie supa woa da Sigi?

(*) „bin gspaunnt owa redd mit an jedn“ stammt aus dem Lied »Mei Hund is a Epileptika«

Dieser Beitrag ist erstmals in der Volksstimme, Nr. 6/2024 erschienen. Hier kann die Volksstimme abonniert und bestellt werden.

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