
Mietstreik im WIST OÖ:
Studierende streiken - Luxus für wenige, Mängel für viele!

Baustellenchaos, Wasserschäden, Schimmel und völlige Intransparenz – so beschreiben Simon Stockhamer (Vorsitzender der Heimvertretung) und Simon Strassgschandtner (Heimbewohner) die derzeitige Situation der Bewohner*innen im WIST OÖ -Studierendenheim an der Johannes-Kepler-Universität in Linz. Unter diesen Zuständen leben die Heimbewohner*innen mittlerweile seit fast einem Jahr. Begonnen hat alles mit der Schließung der legendären und selbstverwalteten Heimbar. Heimvertretung fordert Mietreduktion, Heimleitung lehnt ab. Jetzt befinden sich einige Bewohner*innen im Mietstreik.
Petra Roth-Hopfgartner führte dazu ein Interview mit Simon Stockhamer (S.Sto) und Simon Strassgschwandtner (S.Straß).
Simon, kannst du kurz die Geschichte vom WIST-Heim und der Bar skizzieren?
S.Sto: Das Haus Barbara ist eines von mehreren Heimen des WIST-Vereins in ganz Österreich. Es liegt gleich neben der JKU Linz und ist mit etwa 300 Heimplätzen das größte von allen. WIST steht für Wirtschaftshilfe für Studierende und wurde im Jahre 1974 im Auftrag der SPÖ erbaut, um speziell Studierenden aus Arbeiter*innenfamilien eine leistbare Unterkunft zu bieten.
Es unterliegt damit auch der Gemeinnützigkeit für Bewohner*innen, d.h. Investitionen sollen in erster Linie den Bedürfnissen der Bewohner*innen und des Heimlebens zugute kommen. Im obersten Stockwerk wurde die Heimbar errichtet, die von den Student*innen selbstverwaltet wurde. Es gibt zwar im Zimmertrakt jedes Stockwerks eine Gemeinschaftsküche, aber die Heimbar war der zentrale Aspekt des Heimlebens, das Herz des Haus Barbara sozusagen. Es war schon immer die Grundlage für eine lebhafte Community und sogar international bekannt. Es zeigt, dass die Bar eine sehr lebhafte Geschichte hatte. Sie war die materielle Grundlage für die WIST-Community, der man auch angehört, selbst wenn man schon längst ausgezogen ist. Die emotionale Bindung ist stark und viele ehemalige Bewohner*innen erinnern sich noch heute an ihr Leben im WIST-Heim.
Zurzeit werden Renovierungsarbeiten vorgenommen. Was ist der Ist-Stand?
S.Straß: Genau. Im Moment wird die Fassade großflächig saniert. Dabei wird die alte Eternit-Fassade ausgetauscht. Auf der Südseite des Gebäudes und teilweise auch auf der Ost- und Westseite werden Solarpaneele angebracht. Prinzipiell sind diese Umbauarbeiten zu begrüßen.
- Wird asbesthaltiges Material entfernt und
- ist es angesichts der Klimakrise sinnvoll bestehende Gebäude mit Solaranlagen auszustatten und sie ist auch hinterlüftet, d.h., wenn die Sommer immer feuchter und heißer werden, kommt es trotzdem weniger zu Schimmelbildung im Material.
Es gibt allerdings ein großes “Aber”:
- Beispielsweise wurde die Mieterhöhung für 2024 angekündigt, bevor es erste Informationen über die Baustelle gab. Auch hier muss gesagt werden, dass aus der Ankündigung weder die Dauer noch das Ausmaß der Baustelle abzuschätzen war. Selbst auf der Website der WIST war von einer Baustelle nichts zu lesen. Generell gibt es ein starkes Defizit der Verwaltung bezüglich der Informationsweitergabe.
- Es wurden Jalousien den Bewohner*innen ohne Ankündigung, während sie schliefen, abgebaut. Ohne Jalousien fehlt jeder Blickschutz. Außerdem dienten sie als Hitzeschutz wegen der Sonneneinstrahlung.
- Die Bauarbeiten selbst starten meist schon vor 08:00 und enden teilweise erst um 18:00. In meiner Wohnung vibrierte aufgrund des Bohrlärms der Boden.
- Des Weiteren kam es Ende März zu einem massiven Wasserschaden im Heim. Es tropfte vom 12.Stock bis in den Keller. Weil viel zu spät Trockengeräte eingesetzt wurden, bildete sich in einigen Wohnungen enormer Schimmel.
All diese Dinge wurden der Geschäftsführung und dem Vorstand vorgelegt mit der Bitte um Mietreduktion. Die Geschäftsführung hat alle Angebote von Seiten der Bewohner*innen abgelehnt oder unzureichende Angebote gemacht.
Wie funktioniert der Austausch zwischen den Bewohner*innen, und wie werden diese Probleme kommuniziert? Habt Ihr Kontakt mit der Heimleitung aufgenommen?
S.Sto: Es gibt eine Heimvertretung, die von den Bewohnerinnen gewählt wird. Ich bin im Moment Vorsitzender der Heimvertretung. Mit den Bewohner*innen tauschen wir uns hauptsächlich über eine Social Media Gruppe aus. Es gibt eine große Gruppe für das ganze Haus, aber auch kleinere um spezielle Dinge, wie das Problem des Wasserschadens, besser zu organisieren und koordinieren. Die Bewohner*innen schildern uns ihre Probleme und wir als Heimvertretung sind in der Pflicht, diese gegenüber der Heimleitung zu vertreten.
Wir haben anfangs versucht, mit der Heimleitung das Gespräch zu suchen. Teilweise haben sich die Mitglieder der Heimvertretung, die alle nebenbei arbeiten, Zeitausgleich genommen, um an den Meetings teilnehmen zu können. Die Meetings wurden von der Geschäftsführung oft ohne Begründung am Tag davor abgesagt und ein neuer Terminvorschlag erst für Monate später anberaumt. So ein Verhalten ist nicht nur unprofessionell, sondern auch unhöflich.
Wir haben uns daher entschieden, unsere Anliegen und Forderungen schriftlich vorzubringen. Hier mussten wir schon im Dezember letzten Jahres mit einem Ultimatum drohen, ansonsten wurden unsere E-Mails einfach ignoriert. Vom Vorstandsvorsitzenden bekamen wir dann eine sehr schroffe E-Mail mit dem Zitat: “…, dass es zu keiner Mietzinsreduktion kommen wird.”. Uns blieb nur noch die Möglichkeit, unsere Probleme öffentlich zu machen und uns an lokale Medien zu wenden. Was wir schließlich über eine Pressekonferenz im Mai auch gemacht haben. Durch Versammlungen informierten wir die Bewohner*innen.
Was sind eure Forderungen?
Wir wollen:
- eine rückwirkende Mietreduktion von 25% für alle Bewohner*innen für den Zeitraum der Baustelle
- eine rückwirkende Mietreduktion von 30% für alle Bewohner*innen, die vom Wasserschaden betroffen sind.
- keine Erhöhung der Miete für 2025 und 2026
- eine*n Haustechniker*in als Ansprechperson für Schäden im Haus
- Jemand anderen als Geschäftsführung
Jetzt befinden sich einige Bewohner*innen im Mietstreik. Wie wurde dieser Mietstreik organisiert? Und wie wollt Ihr den Druck erhöhen?
S.Sto: Am 29.3. kam es aufgrund starken Regens wahrscheinlich zu einem Überdruck in den Wasserleitungen. Da diese recht alt sind, fing in einer davon das Wasser vom Keller bis in den 12. Stock an auszutreten.
Die Betroffenen schickten Fotos und Videos in die Social Media Gruppe des Heims. Die Feuerwehr wurde von einem Bewohner gerufen und ich informierte gleich den Geschäftsführer, dass wir einen Notdienst für Reparatur brauchen. Der Geschäftsführer hat es sich relativ schnell mit den Betroffenen verscherzt, weil er ihnen einerseits sagte, dass am nächsten Tag die Reparatur erfolgen würde, aber wirklich zustande gekommen ist sie erst später als 48 Stunden nach dem Auftreten des Wasserschadens. Danach dauerte es über einen Monat, bis Trocknungsgeräte aufgestellt wurden.
Ich organisierte eine Versammlung der Betroffenen, um weitere Schritte festzulegen. Des Weiteren machten wir eine eigene Social Media Gruppe, um Fotos und Videos für eine Dokumentation zu sammeln. Ab da wurde es dann spannend: Eine Bewohner*in hatte relativ schnell eine sehr ausführliche Dokumentation der Gesamtsituation erstellt, wir fügten die Forderung von 30 Prozent Mietreduktion für den Zeitraum bis zum Abschluss aller Sanierungsarbeiten hinzu. Ich schickte diese dann an den Geschäftsführer per Mail. Als wir nach ein paar Tagen immer noch keine Antwort bekamen, spielte ich schon mit dem Gedanken eines Mietstreiks, aber ich war mir nicht sicher ob die Bewohner*innen dabei mitmachen würden. Ein Genosse vom KSV-KJÖ gab mir dann einen wertvollen Hinweis. Dabei handelt es sich um den §1096 aus dem ABGB – das Recht auf Mietrückhaltung.
Daraufhin überlegte ich mir eine Strategie, wie wir das durchziehen könnten und schlug es den anderen vor. Wichtig war mir vor allem, den Leuten, die tlw. aus Drittstaaten kamen, Zeit zu lassen, um eine Entscheidung zu treffen. Immerhin verlangte ich von ihnen etwas, was sie noch nie zuvor in ihrem Leben gemacht hatten.
Letztendlich war aber die Mehrheit der Betroffenen dazu bereit, was ich richtig mutig fand. Der nächste Schritt war, der Geschäftsführung eine Deadline für ein ordentliches Angebot zu setzen, in dem Fall war das der 19.Mai. Sollte er diese nicht einhalten, würden wir die geforderten 30 Prozent unserer Miete unter Vorbehalt einfach einbehalten, was wir dann auch verlässlich gemacht haben. Es kam zwar von ihm ein schwammig formuliertes Angebot, aber das reichte uns nicht. Deshalb haben wir uns dann doch für den Streik entschieden.
Mit den heutigen Kommunikationsmitteln geht das auch ziemlich einfach. Ich erkundigte mich bei meiner Bank, wie man Abbuchungen sperren oder zurückbeordern kann und welche Angaben man dazu machen muss. Danach schrieb ich eine kleine Schritt-für-Schritt-Anleitung für die betroffenen Bewohner*innen und ließ sie auf Social Media einfach abstimmen, ob sie schon ihre Miete zurückhalten oder noch Zeit brauchen, ihre Bank anzurufen. Insgesamt waren ein Dutzend Leute betroffen, von denen sieben streikten. Wir haben das auch in den darauffolgenden zwei Monaten gemacht und damit unsere Forderungen einfach selbst umgesetzt. Die WIST-Heimleitung hat uns das einfach durchgehen lassen, weil sie wussten, dass wir im Recht waren.
Erste positive Auswirkungen für alle Bewohner*innen des Heims: Der Geschäftsführer kündigte kurz darauf an, dass die jährliche Mieterhöhung diesmal weniger als die Teuerungsrate ausmachen würde und er “natürlich Verständnis zeige, dass Mietpreisanpassungen für Diskussionen im Heim sorgen.” So ein Verhalten konnten wir davor noch nicht bei ihm beobachten. Das hat uns in der Heimvertretung klar gezeigt, dass der Mietstreik das wirksamste Mittel ist, die Interessen der Bewohner*innen durchzusetzen.
Soll der Mietstreik ausgeweitet werden? Ich meine auch auf die Bewohner*innen, die nicht vom Wasserschaden betroffen sind?
S.Sto: Ja, unbedingt. Es ist halt etwas anderes, wenn man hunderte Leute organisieren muss, als ein Dutzend. Dazu braucht man ein Koordinationsteam bzw. ein bis zwei Ansprechpartner für jedes Stockwerk. Eine Strategie könnte sein, dass sich ein Koordinationsteam aus 5 bis 10 Bewohner*innen erstmal versammelt und überlegt, wie man möglichst alle im Haus informieren kann, z.B. über Nachrichten in Chats, Infoblätter im Haus, aber auch eine Rede auf einer Versammlung mit Grillerei, zu der dann möglichst viele kommen.
Ab da sollte man dann schon einen Plan haben, den man den Bewohner*innen unterbreiten kann, um ihnen den Streik möglichst einfach zu machen. Dazu gehört es, Antworten auf Fragen zu geben: Was muss ich meiner Bank sagen, um Abbuchungen zu sperren? Darf ich das rechtlich überhaupt? Was mache ich, wenn ich eine Räumungsklage bekomme? usw. Mehr als die Hälfte der heutigen WIST-Bewohner*innen kommen aus anderen Ländern. Die meisten davon aus Nicht-EU-Staaten. Sie haben viel zu verlieren: Ihre Unterkunft, ihr Visum, ihren Job oder ihre Zulassung an der JKU. Das sind alles Dinge, die Koordinator*innen eines Streiks im Vorhinein berücksichtigen müssen. Je früher und umfangreicher man diese Fragen beantworten kann und stets als Ansprechpartner zur Verfügung steht, desto mehr werden sich entschließen zu streiken.
Zum Beispiel können Checklisten für jeden einzelnen ausgeteilt und später wieder eingesammelt oder Online-Fomulare erstellt werden. Dabei geht es dann darum, einen umfassenden Überblick über den Verlauf des Streiks zu machen. Am Ende wird dann nur noch die Heimleitung, die im besten Fall noch nicht Wind davon bekommen hat, über die Sache informiert. Hinzu kommt noch die Möglichkeit, Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Das halte ich für wichtig, weil Klassenkampf möglichst viele Menschen mitbekommen sollten und es auch den Druck auf den WIST-Vorstand erhöht.
Die Heimvertretung hat dies noch nicht in dieser Größenordnung durchgeführt und ich versuche zum jetzigen Zeitpunkt, genügend Leute für ein Koordinationsteam zusammenzubekommen.
Zuletzt halte ich die Forderung nach einem adäquaten Ersatz für unsere Heimbar und einem Haustechniker für genauso wichtig wie die Mietreduktion. Dabei geht es nicht nur darum, dass die Bewohner*innen wieder ordentlich feiern und Schäden schneller behoben werden können, sondern auch, dass eine Heimbar, als Gemeinschaftsraum, ein zentraler Treffpunkt sein sollte, sich gemeinsam politisch zu organisieren. Des Weiteren kann ein Hausmeister, in unserem Fall auch ein Ansprechpartner sowie eine Person sein, die einen technischen Überblick über die gesamte Einrichtung hat und damit der Heimleitung bei Investitionen gegebenenfalls widerspricht.
Ich vermute, dass das auch zu den Gründen gehört, warum uns beides genommen wurde. Der Vorstand der WIST besteht komplett aus hohen SPÖ-Funktionär*innen, die keine Bindung zum Heimleben haben. In den letzten Jahren gab es unseres Erachtens einige Fehlinvestitionen, die viel Geld gekostet und durch Mieten bezahlt wurden. Dafür legte der Vorstand aber nie Rechenschaft ab.
Wenn man aber nicht will, dass die Gemeinnützigkeit darunter leidet oder gar aufgegeben wird, muss man sich auch dafür einsetzen, dass im Vorstand nur noch Leute mit einem durchschnittlichen Facharbeiter*innengehalt sitzen, die auch eine emotionale Bindung zum WIST-Heim haben, und von den Bewohner*innen sowie Verwaltungspersonal direkt gewählt werden.
Simon, du hast selbst in der WIST-Bar gearbeitet. Wie siehst du das, warum wurde diese im obersten Stock geschlossen?
S.Straß: Sie wurde geschlossen, um Platz für Luxuswohnungen zu schaffen. Das muss man sich vorstellen in einem von der SPÖ geführten Heim, wird eine selbstverwaltete Bar, die als Austausch für die Bewohner*innen dient für Luxuspenthousewohnungen aufgegeben. Bei diesem Thema werde ich zugegebenerweise etwas emotional. Ich habe selbst lang die Bar verwaltet und dort als Kellner gearbeitet. Die WIST-Bar war eine richtige Institution am Campus. Vorglühabende fürs Mensafest, Spieleabende, Karaoke oder Mario Kart Turniere sind nur einige Beispiele die organisiert wurden und regen Zulauf fanden. Teilweise bildeten sich sogar Lerngruppen am Sonntag, um für die Prüfungen in der nächsten Woche zu lernen.

Petra Roth-Hopfgartner
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