
Ene mene muh, und arm bist du

Eine Gebrauchsanleitung, wie Armutsbetroffene aus der Gesellschaft und aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein gleichzeitig ausgeschlossen werden.
Die Teuerung des täglichen Lebens trifft Armutsbetroffene am härtesten und drängt viele weitere Menschen in Richtung Armut. Je niedriger das Einkommen eines Haushalts, desto mehr gibt er für Wohnen, Heizen und Lebensmittel aus: also gerade die Dinge, die in den letzten Jahren besonders teuer wurden.
Gleiches gilt für die Kürzungspakete der Regierung. Laut eigener Analyse des Parlaments führen die Kürzungsmaßnahmen zu deutlich größeren Einschnitten bei Menschen mit den niedrigsten Einkommen als bei denen mit den höchsten Einkommen. Nur eines von vielen Beispielen, wie unsere Gesellschaft nicht die Armut, sondern die Armutsbetroffenen bekämpft.
Armut wird unsichtbar gemacht
Was Armut in Österreich heute heißt, davon können sich viele Menschen gar kein Bild mehr machen. Armut wird in der öffentlichen Debatte versteckt. Wenn über Sozialhilfe-Empfänger:innen gesprochen wird, dann wird kaum über schimmelige Wohnungen, Vereinsamung, Diskriminierung und Schikane, Behinderungen, chronische Krankheiten, Armut trotz Arbeit und vieles mehr gesprochen.
Noch weniger wird mit Betroffenen selbst gesprochen. Eine Untersuchung der Armutskonferenz kam zu dem Ergebnis, dass in mehr als 9 von 10 Berichten über Armut Armutsbetroffene gar nicht zu Wort kommen. Man stelle sich vor, in mehr als 9 von 10 Artikeln über den österreichischen Industriestandort käme die Industriellenvereinigung nicht zu Wort – unser Arbeitsmarkt wäre vermutlich ein besserer Ort.
Armut wird entstellt
Unsere Gesellschaft kann mit Armut ähnlich schlecht umgehen wie mit Sexualität. Entweder wird sie gar nicht gezeigt oder als (Sozial-)Porno. In der öffentlichen Wahrnehmung dominieren zwei Bilder von Armut: Ein ungerechter Schicksalsschlag oder eine Ausnahmesituation bringen die meist ältere Frau vor den Vorhang. Oder selbstverschuldet und faul liegt eine anonyme Gestalt, meist männlich und mit anderem Reisepass, in einer Hängematte. Über die systematischen Ursachen oder Gründe wird nicht gesprochen – und dagegen getan noch weniger.
Dass es meistens Frauen sind, die in tragische Ausnahmesituationen geraten, liegt daran, dass es für viele Frauen eben keine Ausnahmesituation ist: Frauen sind aus verschiedenen Gründen stärker gefährdet, in Armut zu rutschen, als Männer. Unser Arbeitsmarkt, über den die Vertreter der Industriellenvereinigung so oft gscheitwascheln dürfen, trägt dazu bei: Für 120.000 Vollzeit-Beschäftigte in Österreich reicht das Einkommen nicht für die täglichen Ausgaben. Für 40 % reicht das Einkommen „gerade aus“, um am sozialen Leben teilzunehmen, für 6 % geht sich das gar nicht mehr aus.
Armutsbetroffene werden vernadert
Prominent trotz Anonymität dagegen sind die „Sozialhilfe-Bezieher“, die uns etwas kosten, weil sie angeblich nicht arbeiten wollen. Dabei können 57 % der Bezieher:innen von Sozialhilfe gar nicht arbeiten: weil sie in Pension sind, eine chronische Erkrankung oder eine Behinderung haben, Kinder und Angehörige pflegen – oder selbst Kinder sind. Sie gehen in die Schule oder in den Kindergarten, sind in Pension, leben mit Behinderungen bzw. einer schweren chronischen Krankheit oder sind in Pflegebetreuung. Weitere 8 % arbeiten bereits, ihr Job ist aber derart miserabel bezahlt, dass es nicht zum Leben reicht und sie Zuzahlungen aus der Sozialhilfe brauchen.
Doppelt ausgeschlossen
Armut bedeutet heute einen doppelten Ausschluss: Ausschluss aus weiten Teilen des gesellschaftlichen Lebens und Ausschluss aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein. Wer warum arm ist und was das für diesen Menschen bedeutet, das spielt in der öffentlichen Debatte keine Rolle. Umso unbeschwerter kann diese, die letzte und die nächste Regierung bei niedrigen Einkommen kürzen, schikanieren und diffamieren.
Redaktion
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