Alisa Vengerova: »Junge Menschen haben keine Perspektive mehr in diesem System. Das muss geändert werden!«

Am 29. September wird in Österreich gewählt. Die KPÖ hat die Chance bei den Nationalratswahlen die 4%-Hürde zu überspringen und damit wieder im Parlament vertreten zu sein. So auch Alisa Vengerova, Listenplatz 6 auf der Bundesliste der KPÖ und Bundessprecherin der Jungen Linken.

Die KPÖ hat in ganz Österreich die notwendigen Unterstützungserklärungen gesammelt. Wir werden damit fix am Stimmzettel stehen. Wie waren die bisherigen Rückmeldungen in Bezug auf den Antritt der KPÖ auf der Straße oder im Umfeld?

Sehr gut. Sehr viele Menschen in meinem Umfeld und auf der Straße sind enttäuscht von den etablierten Parteien. Enttäuscht darüber, dass sich ihre Lebenssituation mit den Teuerungen und den teuren Mieten nicht verbessert, sondern verschlechtert. Enttäuscht aber auch darüber, dass Politiker vor allem viel versprechen, aber wenig halten. Das verstehe ich gut, mir geht es ja auch so. Ich merke aber, dass immer mehr Menschen in meinem Umfeld und auch auf der Straße – über die Erfahrung mit der konkreten Arbeit der KPÖ vor Ort – daran glauben, dass es auch anders geht. Sie sehen und spüren, dass die KPÖ anders ist als die anderen Parteien und das gibt Hoffnung, dass sich doch was ändern kann.

Keine 10% der Abgeordneten im aktuellen Nationalrat haben einen Lehrabschluss, das ist weit unter dem Bevölkerungsdurchschnitt. Daran sieht man, dass der Nationalrat nicht unbedingt die Bevölkerung repräsentiert, sondern Politik für bestimmte Gruppen macht. Was kann die KPÖ im Nationalrat ändern? Warum ist es wichtig, dass wir dort vertreten sind?

Das spüren wir alle ja auch direkt, dass die Politiker im Nationalrat nicht nur von ihrer Biografie her uns nicht repräsentieren, sondern dass sie vor allem nicht unsere Interessen vertreten. Kein Wunder, mit einem Einkommen von 10.000 Euro pro Monat und mehr leben sie ja auch in einer ganz anderen Realität als die große Mehrheit in diesem Land.

Gerade bei jungen Menschen ist das nicht anders. Jetzt gibt es zwar ein paar junge Menschen im Nationalrat, aber das heißt noch lange nicht, dass diese die große Mehrheit der jungen Menschen in diesem Land repräsentieren, geschweige denn ihre Interessen vertreten. Für manche ist das Parlament nicht mehr als ein sehr gut bezahltes Sprungbrett für ihre Polit-Karriere. Wir wollen als KPÖ einen Blick von Unten ins Parlament tragen. Denn in unserer Gesellschaft geht es nicht um jung gegen alt, es geht um oben gegen unten!

Ich kann mir als junger Mensch trotzdem das Wohnen kaum leisten, nur weil meiner Mama in Zukunft die Pension gekürzt werden soll. Und wir beide und alle anderen Menschen in Österreich haben ein gutes Leben verdient.

Junge Menschen haben keine grundsätzlich anderen Interessen als der Rest der Gesellschaft. Gesellschaftliche Probleme wie die Teuerung oder die hohen Wohnkosten betreffen junge Menschen aber umso mehr, weil wir von allen Altersgruppen über das geringste Einkommen verfügen. Die teuren Mieten, die Teuerung bei Lebensmitteln oder die Kosten von Öffi-Tickets, das sind Dinge, die uns beschäftigen. Darüber wird aber im Parlament nicht geredet. Deshalb fühlen sich junge Menschen vom Parlament und den etablierten Parteien nicht vertreten.

Wir glauben den etablierten Parteien ihre Wahlversprechen nicht mehr. Deshalb gehen viele gar nicht zur Wahl. Junge Menschen waren bei der EU-Wahl jene Altersgruppe mit dem größten Nichtwähleranteil. Da gibt es dann aber gleichzeitig Hoffnung und man sieht, dass sich viele Veränderung wünschen: die 10% der Unter-30-Jährigen haben bei der EU-Wahl KPÖ gewählt.

Im Wahlkampf setzen wir auf das Thema Wohnen. Aber es gibt natürlich auch andere wichtige Themen. Du bist Vorsitzende der Jungen Linken. Wie kann man junge Menschen für Politik interessieren?  Was muss sich hier grundsätzlich ändern? 

Indem man nicht künstlich irgendwelche “Jugendthemen” kreiert, die es so gar nicht gibt. Wir wollen ernst genommen werden und eine Perspektive auf eine bessere Zukunft haben. Das bietet uns allerdings von den etablierten Parteien niemand. Stattdessen bekommen wir leere Wahlversprechen und ein Leben, in dem man sich immer weniger leisten kann und Sorgen über die nächste Rechnung machen muss.

Wenn man junge Menschen ernst nimmt, thematisiert man auch Dinge, die sie betreffen. Das teure Wohnen zum Beispiel. Bisher war es in Österreich im Gegensatz zu anderen Ländern so, dass die meisten jungen Menschen von Zuhause ausziehen konnten wenn sie das wollten. Durch die extremen Mietpreisexplosionen der letzten Jahre wird das immer schwieriger und von Zuhause ausziehen wird mit Kaution, den hohen Energie- und Betriebskosten zu einer immer größeren Herausforderung. Kautionsfonds, Mietpreisdeckel und günstige Startwohnungen wären einfach Lösungen, wie man jungen Menschen hier helfen könnte. Aber das steht für die etablierten Parteien einfach nicht auf der Tagesordnung.

Von Preiskontrollen bei Lebensmitteln oder kostenlosen Öffi-Tickets würden alle profitieren, junge Menschen aber ganz besonders.

Jungen Leuten wird oft ein Desinteresse an Politik nachgesagt, aber das stimmt gar nicht. Man hat nur nicht das Gefühl, dass es in der Politik um das eigene Leben und wie das besser werden kann, geht. Dass sich junge Menschen für Politik interessieren, ist keine Zauberei. Man muss sich einfach ehrlich und glaubwürdig für ihre Anliegen einsetzen.

Welches Thema liegt dir besonders am Herzen? Was willst du als Abgeordnete im Nationalrat besonders einbringen?

Leistbares Wohnen für junge Menschen. Ich bin selbst erst spät von zu Hause ausgezogen, weil das Wohnen in Österreich für junge Menschen immer schwerer leistbar wird. Eigentlich sollte jeder junge Mensch in diesem Land die Möglichkeit haben, mit 18 Jahren von Zuhause auszuziehen und dafür eine leistbare Startwohnung zu bekommen. Im Vergleich zu dem, was wir sonst für Aufrüstung, Konzerne und Regierungs-PR ausgeben, wäre das auch leicht finanzierbar.

Auch das Thema Frieden ist mir ein großes Anliegen. Vielen jungen Menschen geht es da so wie mir. Wir kannten diese Aufrüstungsphantasien und Kriegstreiberei vor dem Krieg in der Ukraine und in Gaza nicht. Wenn man sich jetzt gegen den Mainstream ausspricht und für eine Position des Friedens eintritt, wird man gleich gebrandmarkt. Einige wurden in Schule und Arbeit auch dafür abgestraft, dass sie die allgemeine Losung “Friede durch noch mehr Krieg” hinterfragt haben. Da ist es dann umso wichtiger, dass es mit der KPÖ eine Partei gibt, die trotz aller Widerstände klar macht, dass es Frieden braucht. Weil es immer die Armen sind, die für die Kriege der Reichen und Mächtigen sterben. Eine solche klare Position für Frieden und Neutralität braucht es dringend auch im Parlament, damit die sich immer stärker zuspitzende Kriegslogik nicht unwidersprochen bleibt.

Ein besonderes Anliegen wäre es mir, eine völlig andere Art der Jugendpolitik ins Parlament zu bringen. Eine, die nicht künstlich etwas trennendes zwischen Jugend und dem Rest der Gesellschaft aufmacht, sondern eine, die aufzeigt, wo junge Menschen besonders betroffen sind und wieso es auch hier um eine Klassenfrage und nicht um eine Generationenfrage geht.

Die KPÖ bietet jetzt schon an vielen Orten Sprechstunden an, zu denen Menschen ohne Termin mit ihren Anliegen kommen können. Auch KPÖ-Nationalratsabgeordnete werden solche Sprechstunden in ganz Österreich abhalten. Was sind deine Erfahrungen damit? Warum ist das deiner Meinung nach wichtig?

Damit man die Bodenhaftung nicht verliert. Es gibt so viele Geschichten von jungen Politikern, die mit großen Zielen und Idealen in die Politik gegangen sind und die Hoffnungen von hunderttausenden jungen Menschen auf Veränderung zerstört haben, indem sie nur Jahre später sich mit dem System arrangiert haben und Teil dessen wurden, wogegen sie zuerst angetreten sind. Mit diesem Opportunismus wurde für mehrere Generationen ein Schaden hinterlassen, dass man glaubt, es wird sich sowieso nichts ändern und man kann eh niemanden glauben.

Unsere Aufgabe als KPÖ ist, anders zu bleiben. Dass wir uns nicht einkaufen lassen vom System, dass wir unsere Ideale nicht aufgeben und dass wir weiterhin am Boden bleiben. Die Sprechstunden und die Gehaltsabgabe halte ich für den richtigen Weg dafür. Einerseits weil man Menschen, die sonst viel zu viel Zeit in einer abgehobenen, elitären Blase verbringen müssen, mit den alltäglichen Problemen konfrontiert und sie dadurch strukturell dazu bringt, diese Probleme zu ihren eigenen zu machen und politisch lösen zu wollen. Andererseits hebt man durch die Gehaltsobergrenze selbst nicht ab. Das macht auch was mit dem eigenen Blick auf die Welt. Wenn mir die nächste Mieterhöhung selbst nicht egal ist, weil mir das am Ende des Monats auch weh tut, dann setze ich in meiner politischen Arbeit auch andere Prioritäten und das finde ich richtig.

Ein Nationalratsabgeordneter verdient 10.351,39 € im Monat. Abgehobene Gehälter führen zu abgehobener Politik, die KPÖ ist daher für die gesetzliche Begrenzung von Politikergehältern. Zudem gilt in der KPÖ eine Einkommensgrenze von 2.500 Euro für alle Mandatar:innen. Warum ist diese Einkommensgrenze deiner Meinung nach wichtig?

Man muss nicht arm sein, um Armut zu verstehen, aber die eigene Lebensrealität macht auch etwas mit dem Blick auf die Welt. Und da sollten Politiker, die uns repräsentieren sollten nicht in einer komplett anderen Welt leben.

Die Einkommensgrenze hilft auch, sich vor Glücksrittern zu schützen, die versuchen, über ein Mandat in der Politik an leicht verdientes Geld zu kommen. Wer als Politiker die Interessen von Menschen vertreten will, soll das aus Überzeugung und nicht des Geldes wegen tun. Die Kürzung der Politikergehälter ist auch eine wichtige Maßnahme, um die Politik wieder näher zu den Menschen zu bringen.

Bei den Wahlen gilt die 4% Hürde. Wie schätzt du unsere Erfolgschancen ein?

Ich glaube es wird knapp, aber es ist machbar. Die Partei erlebt gerade im ganzen Land einen enormen Boost an Aktivitäten und ist sehr motivierend. Gerade die wirklich erstaunlichen Zustimmungswerte für die KPÖ bei jungen Menschen geben mir viel Grund zur Hoffnung. Ich merke das auch in den letzten Wochen auf der Straße stark, dass viele junge Menschen, die heuer zum ersten Mal wählen sehen, wofür die KPÖ steht und wie bei ihr Wort und Tat zusammenpassen und diese Politik als ehrliche Alternative zu den etablierten Parteien sehen.

Wir setzen mit der Jugendkampagne bei Junge Linke in den nächsten Wochen in ganz Österreich gerade auch nochmal alles daran, diese jungen Menschen dazu zu ermuntern, auch wirklich wählen zu gehen. Wenn das gelingt, ist der Sprung ins Parlament machbar.

Wir sind als kleine Partei darauf angewiesen, dass Menschen selbst mit uns aktiv werden. Wie kann man im Wahlkampf mitmachen? Wie kann man uns im Wahlkampf unterstützen?

Vom Briefe kleben, übers plakatieren, Flyer verteilen, Telefonate führen, und so weiter gibt es noch genug zu tun die nächsten Wochen und man kann sich überall lokal einbringen. Wer unter 30 ist kann sich auch direkt bei Junge Linke zum Mitmachen melden unter: www.jungelinke.at/mitmachen

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