Haustürgespräche mit
»Die Linke« –
und was wir als KPÖ daraus lernen können.

Haustürgespräche, München-Harthof, Februar 2025

Bei den Bundestagswahlen am 23.Februar hat die Linke 8,8% und somit 64 Sitze im Bundestag erreicht. Angesichts der tiefen Parteikrise, der Abspaltung der Fraktion um Sahra Wagenknecht, nur 2,7% bei den EU-Wahlen 2024 und empfindlichen Niederlagen bei Landtagswahlen in Ostdeutschland, ist das ein erstaunliches Ergebnis.
Dieses Ergebnis macht Hoffnung in dunklen Zeiten. Fast überall ist die reaktionär-autoritäre Tendenz der kapitalistischen Krisenlösungsstrategie auf dem Vormarsch und beschränkt sich nicht auf rechte Parteien. Das war auch bei den Bundestagswahlen nicht anders, wofür der Sieg der Union mit Friedrich Merz und das Ergebnis der AfD steht.
Das Ergebnis, vor allem aber das Auftreten der Linkspartei stellen dabei einen Lichtblick dar.

Max Veulliet & Max Zirngast berichten von ihren Erfahrungen in Deutschland.

Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass nun von allen Seiten Interpretationen angestellt werden, was der Grund für das scheinbar plötzliche Comeback der Linkspartei war und was daraus für die politische Arbeit anderswo zu lernen sei. Selbstverständlich ist eine Einordnung des Wahlkampfs der Linken wichtig – dabei gilt es aber, einen Blick auf die Gesamtheit der politischen Arbeit und ihre Einbettung nicht zu verlieren. Wir wollen unsere persönlichen Erfahrungen aus dem (Haustür-)Wahlkampf in Berlin-Neukölln (Max Veulliet) und München (Max Zirngast) kurz reflektieren und anschließend ein paar Aspekte, die uns für die Arbeit der KPÖ wertvoll erscheinen, herausstreichen.

Niemals alleine, immer gemeinsam – Haustürwahlkampf in Neukölln

In Neukölln konnte Die Linke bei den Bundestagswahlen das erste Direktmandat im (ehemaligen) West-Berlin und damit in ganz Westdeutschland überhaupt erlangen. Ferat Koçak erreichte 30% der Erststimmen. Wie kam es zu diesem Erfolg?
Hauptgrund ist wahrscheinlich der Haustürwahlkampf, der von Kocaks Team auf die Beine gestellt wurde. Am Schluss hatte es die Kampagne geschafft, an sagenhafte 120.000 Haustüren zu klingeln – bei insgesamt 180.000 Haushalten im Bezirk.
Beim Neuköllner Haustürwahlkampf ging es nicht nur darum, Wahlzusagen für den Kandidaten zu sammeln. Es ging auch darum, die Bewohner:innen des Bezirks zu lokalen Veranstaltungen einzuladen und ihnen das Angebot eines Heizkosten-/Mieten-Checks zu machen. Diese beiden Aspekte sind wichtig für die lokale Verankerung. Mit der “Verabredung”, sich zum Beispiel beim Winterfest der Bezirkspartei wiederzusehen und dort mit dem Kandidaten sprechen zu können, kann man Menschen aus der politischen Isolation holen. Mit dem Angebot einer konkreten Hilfeleistung kann man sich als Partei nützlich zeigen.

Ich selbst war im Rahmen einer großen Aktionswoche Anfang Februar in Neukölln und konnte in zwei Tagen beim Haustürwahlkampf helfen. Insgesamt waren in dieser weit über tausend Menschen im Einsatz. Die Stimmung vor Ort war sensationell und der große Saal platzte bei der Einführung am Samstag der Woche aus allen Nähten. Busweise junge Menschen kamen aus ganz Deutschland nach Neukölln, um mit einer – fast muss man es so nennen – Wahlkampfbewegung das große Ziel von Ferats Mandat möglich zu machen.
Sein Team hatte ausgerechnet: ab circa 8.000 Wahlzusagen ist das Mandat möglich. Am Schluss wurden es über 10.000 Zusagen und der Abstand zur zweitplatzierten Kandidatin der CDU betrug knapp 15.000 Stimmen. Das Ergebnis von 2021 wurde somit verzweieinhalbfacht. Dazu trug aber sicher auch die Person Ferat Koçak bei, der in Neukölln einen hohen Bekanntheitsgrad hat, bereits im Berliner Abgeordnetenhaus saß und auf Instagram mehrere zehntausend Follower hat.

Heizkosten im öffentlichen Wohnbau – Haustürwahlkampf in München

Am 15. Februar, also am Wochenende vor der Bundestagswahl, organisierten die KPÖ Salzburg und die KPÖ Tirol Wahlkampfunterstützung für die Linke in München. Von Salzburg aus machten wir uns zu viert auf den Weg in den Münchner Norden. Wir trafen uns in einem Nachbarschaftstreff, es gab ein gemeinsames Frühstück mit vielen ehrenamtlichen Aktivist:innen, ein paar Ansprachen zum Wahlkampf und zur Entwicklung der Linken insgesamt und eine Vorstellrunde. Die positive, wertschätzende Stimmung war zu spüren. An diesem Tag standen Haustürgespräche im Viertel Harthof an. Vor dem Start bekamen wir eine kurze Einschulung und zwei Genossen führten uns eine mögliche Gesprächssituation vor.

Das zentrale Thema in Harthof waren die Rückzahlungen von horrenden Heizkosten an die Mieter:innen, die durch die konkrete Arbeit der Linken erkämpft wurden. Im Übrigen gehören die Wohnanlagen im Viertel im wesentlichen Münchner Wohnen, der städtischen Wohnbaugesellschaft. So sind wir dann auch an die Haustüren gegangen. Wir haben die Bewohner:innen gefragt, ob sie den Antrag auf Rückzahlung gestellt bzw. schon eine Rückzahlung erhalten haben. In dem Gebiet, in dem ich war, wussten alle, worum es geht und hatten auch schon zumindest den Antrag gestellt. Es war großer Dank und Unterstützung für die Linke zu spüren. Christian Schwarzenberger, der Direktkandidat in München-Nord, war vielen Menschen ein Begriff. “Richtet Christian liebe Grüße aus” war mehr als einmal zu hören.

Das zeigen auch die Wahlergebnisse. In Milbertshofen-Am Hart im Münchner Norden, wo wir aktiv waren, hat die Linke bei Erststimmen (also für eine Person) um 4,9% zugelegt,bei Zweitstimmen (für die Partei) sogar um 6,7% und damit mehr als die AfD. In den Sprengeln 1101 bis 1104, die das Kerngebiet des Haustürwahlkampfs ware, konnte die Linke bei Erst- und Zweitstimmen zwischen 6% und 12% zulegen, Bei den Zweitstimmen in 1102 sogar um 15,5% auf insgesamt 20,8% – gleichauf mit der SPD auf Platz 1.

Was können wir aus dem Wahlkampf der Linken mitnehmen? 

Über die mehrschichtigen Gründe für den Erfolg der Linken wurde anderswo schon Vieles und viel Richtiges gesagt. Von der klaren antifaschistischen Haltung zum Auftritt auf Social Media, vom thematischen Fokus und den konkreten Erfolgen im Alltag der Menschen (Heizkosten, etc.). Das wollen wir hier ausklammern und uns auf die spezifische Methode der Haustürgespräche konzentrieren.

Klar erkennbar ist, dass die Linke überall dort überdurchschnittlich erfolgreich war, wo eine weitgehende Abdeckung mit Haustürgesprächen gelungen ist. Haustürgespräche sind also ohne Zweifel ein effizientes Mittel der Wähler:innenansprache und können dem Aufbau einer Basis für die Parteiarbeit dienen, wenn sie richtig gemacht und in ein Gesamtkonzept eingebettet werden. Vertrauen ist für die KPÖ eine zentrale politische Kategorie und die regelmäßige Präsenz in den Vierteln und an den Haustüren kann ein Baustein im Aufbau dieses Vertrauensverhältnisses mit der Bevölkerung sein. Wir lernen so die Menschen in den Vierteln kennen und sie uns. Bindung und Verankerung entstehen über persönliche Beziehung.

Gleichzeitig handelt es sich um ein wirkungsvolles Mittel in der Mobilisierung und Befähigung unserer Partei, unserer Mitglieder und Aktivist:innen. Sie können ihre Gesprächskills entwickeln und Barrieren abbauen, was den direkten Kontakt mit der Bevölkerung betrifft. Die Erfahrungen in Deutschland zeigen, dass keine außergewöhnlichen Vorkenntnisse notwendig sind, um sich in den Haustürgesprächen gut zu schlagen.

Infostände, die regelmäßige Präsenz unserer Partei im öffentlichen Raum und die niederschwellige Erreichbarkeit sind ein wesentlicher Bestandteil unserer politischen Arbeit. Allerdings ist es oft schwierig, gerade die Menschen, die tagsüber arbeiten und/oder Betreuungspflichten haben, mit Infoständen zu erreichen. Sie nehmen bestenfalls einen Flyer mit, was sehr unverbindlich ist. Gewisse Gespräche können auch sehr langatmig werden. In vielen Städten und Gemeinden sind Infostände außerhalb von Zentren auch sehr schwierig oder unmöglich. Daher erscheint es uns als sehr sinnvoll, Infostände immer mehr mit Haustürgesprächen zu ergänzen, um diese Leerstellen auszufüllen und direkt am Wohnort der Menschen präsent zu sein.

Selbstverständlich braucht es einen „Grund” für das Gespräch, das heißt Vorbereitung und Konzept. Die Erfahrungen der Linkspartei, wie auch unsere eigenen Erfahrungen in Salzburg, Innsbruck, Dornbirn oder jetzt in Wien und bald in ganz Oberösterreich zeigen, dass es unterschiedliche Themen und Angebote sein können, mit denen wir an die Haustüren der Menschen klopfen. Es ist die kollektive Aufgabe der Partei, die Methode in unsere Arbeit zu integrieren und die Kontinuität sicherzustellen.

Mehr zum Thema »HAUSTÜRGESPRÄCHE«

Haustürgespräche und solidarische Projekte in Verbindung bringen –
politisches Subjekt konstituieren und als Klasse handlungsmächtiger werden.

Anfang Februar fand im KPÖ-Haus in der Melicharstraße ein Workshop statt. Thema war “Haustürgespräche und Solidarische Projekte in Verbindung bringen”. Dieser kurzfristigen Einladung folgten Genoss:innen aus allen oberösterreichischen Bezirksorganisationen, sowie aus den Jugendorganisationen der KJÖ OÖ und der Jungen Linken OÖ. Rainer Hackauf, Bundessprecher der KPÖ, hatte den Workshop geleitet.

Petra Roth-Hopfgartner führte nach dem Workshop ein Interview mit Rainer Hackhauf zu den Inhalten und der politischen Perspektive der KPÖ zu diesem Thema.

—>>> ZUM INTERVIEW