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Haustürgespräche und solidarische Projekte in Verbindung bringen -
politisches Subjekt konstituieren und als Klasse handlungsmächtiger werden.

Workshop , Anfang Februar, Linz

Anfang Februar fand im KPÖ-Haus in der Melicharstraße ein Workshop statt. Thema war "Haustürgespräche und Solidarische Projekte in Verbindung bringen". Dieser kurzfristigen Einladung folgten Genoss:innen aus allen oberösterreichischen Bezirksorganisationen, sowie aus den Jugendorganisationen der KJÖ OÖ und der Jungen Linken OÖ. Rainer Hackauf, Bundessprecher der KPÖ, hatte den Workshop geleitet.

Petra Roth-Hopfgartner führte das Interview mit Rainer Hackhauf zu den Inhalten und der politischen Perspektive der KPÖ zu diesem Thema.

Lieber Rainer, danke, dass Du nach Linz gekommen bist, um diesen Workshop zu halten.Was war deiner Meinung nach der Reiz daran, dass trotz kurzfristiger Einberufung, so viele Teilnehmer:innen gekommen sind?

Rainer: Ich denke der Reiz besteht darin, praktisch “ins tun” zu kommen und so wieder das Gefühl zu bekommen, an Handlungsmächtigkeit zu gewinnen. Sowohl die Planung solidarischer Projekte als auch Haustürgespräche sind dafür gute Ansätze. Und dann ist es natürlich auch motivierend, in einer größeren Gruppe zusammenzukommen und auch neue Genoss:innen kennenzulernen – zu sehen, wie viele wir sind.

Mit welchen Erwartungen sind die Teilnehmer:innen gekommen?

Rainer: Viele haben sich vielleicht gar nicht so viel erwartet und waren dann positiv überrascht, weil es kurzweilig war und neue Anstöße für die eigene politische Arbeit gebracht hat.
Sonst gab es natürlich den Wunsch von einigen Genoss:innen einen Schritt weiter bei der gemeinsamen Planung von solidarischen Ansätzen zu kommen. Im Alltag ist dafür meistens zu wenig Zeit und Raum, im Workshop gab es diese jedoch. Dadurch konnten konkrete Verabredungen getroffen werden – es ist also was weiter gegangen.

Wie hast du den Workshop aufgebaut, was waren die Inhalte?

Rainer: Nachdem es eine größere Gruppe von Genoss:innen aus ganz Oberösterreich war, die sich noch nicht alle kannten, war das Kennenlernen ein wichtiger Einstieg und die halbe Miete. Danach gab es von mir einen kurzen Input zu den Überlegungen hinter Haustürgesprächen.
Diese wurden dann auch nach dem Mittagessen in Rollenspielen geübt.
Am Nachmittag gab es zusätzlich noch einmal Raum, um an konkreten Projekten zu arbeiten – in Gruppen zusammen mit Genoss:innen aus dem jeweiligen Wohnort bzw. Region.
Abgeschlossen wurde der Tag mit konkreten Verabredungen, wie es nun weitergehen soll, was nächste Schritte in Bezug auf Planung, Erweiterung des Know-Hows sind. Und – ganz wichtig – wie weiter dazu kommuniziert wird.

Ein wichtiger Aspekt war, dass Haustürgespräche nicht einseitig und einmalig passieren sollten, sondern mit solidarischen Projekten in Verbindung gebracht werden. Was heißt das genau? Und wie soll das funktionieren?

Rainer: Solidarische Projekte sind wichtig, weil sie eine sinnvolle Aktivität im Sinne einer verbindenden Partei darstellen, als die sich die KPÖ versteht: Wir warten nicht auf Wahlen und wie wir dort abschneiden, sondern machen Politik jetzt schon anders – sei es auch nur im Kleinen. Aus dem gewerkschaftlichen Organizing kommend stellt sich ergänzend dazu die Frage, wie kommen wir an die Unbeteiligten? Also an die Menschen, die vom politischen System frustriert sind und an Veränderung nicht oder kaum mehr glauben.

Mit Haustürgesprächen können wir aktiv zu solchen Menschen hingehen, Präsenz zeigen, zuhören, sie ernst nehmen und solidarische Angebote zum „Zusammentun“ machen.

Können wir mit Haustürgesprächen politische Forderungen der KPÖ in der Gesellschaft verankern?

Rainer: Durch Haustürgespräche wird man Forderungen vielleicht nicht verankern können. Aber man kann testen, ob die eigenen Lösungsvorschläge andere überzeugen und auch bewegen. Sie bieten damit aber auch die Möglichkeit, über unsere eigenen Vorschläge nochmal nachzudenken. Ist das überzeugend, was wir da anbieten?

Ich kenne natürlich auch viele Vorbehalte von Genoss:innen, dass es unangenehm wäre, an Haustüren zu klopfen. Grundsätzlich ist es natürlich auch voll okay, dass einem das persönlich vielleicht nicht taugt. Oft steht – meiner Erfahrung nach – aber dahinter, dass man von den eigenen Angeboten und Lösungen nicht überzeugt ist und daher solche Gespräche meidet. Genau das ist aber eigentlich ein gutes Testfeld für uns.

Anfang Jänner war in Linz die vorgezogene Bürgermeister:innenwahl, vorausgehend der Wahlkampf. Didi Prammer (SPÖ) und Michael Raml (FPÖ) haben ebenfalls im Wahlkampf an Türen von Linzer Bewohner:innen geklopft.
Was ist der Unterschied zwischen SPÖ/FPÖ und der KPÖ an der Herangehensweise und Motivation?

Rainer: Haustürgespräche in Wahlzeiten sind in den letzten 10 Jahren wieder “in” geworden. Solche Gespräche folgen in Wahlkampfzeiten meist einer bestimmten Logik – die eigenen Kandidat:innen bekannt zu machen und Wähler:innen am Wahltag für das “X” an der jeweils richtigen Stelle zu mobilisieren. Bei Letzterem unterscheiden wir uns als KPÖ.
Uns kann es nicht in erster Linie um das “X” gehen, sondern darum, zuzuhören, Alltagsprobleme ernst zu nehmen und gemeinsame Lösungen zu finden. Nicht “für”, sondern “mit” den Leuten, mit denen wir sprechen. Wir sind ja Teil einer gemeinsamen Klasse.

Unsere Schwesterpartei Die Linke scheint mir Haustür-Gespräche in Wahlkampfzeiten übrigens weiterentwickelt zu haben. Ich bin gespannt, wie die Wahlen in Deutschland ausgehen und was wir davon eventuell lernen können.

Der Mythos hält sich schon lange, dass Haustürgespräche nur was für Zeugen Jehovas sind und Solidarische Projekte die Caritas erledigen soll. Was kann man als Kommunist:in dem entgegenstellen?

Rainer: Erst einmal finde ich den Vergleich nicht schlimm, die Caritas macht doch in weiten Bereichen gute Arbeit. Schön, wenn es da Gemeinsamkeiten gibt, die vielleicht sogar zu einem Austausch führen können.

Haustürgespräche sind ja per se auch nicht links oder wurden vor kurzem von irgendwelchen Managern “erfunden”. Auch in der KPÖ gab es ja lange die Tradition des persönlichen Kassierens von Mitgliedsbeiträgen oder des Austragens und Verkaufens der Volksstimme an der Haustür.

Um die Frage aber auch in einer marxistischen Tradition zu beantworten, Frigga Haug meint:
“Während die Kampagnen der Herrschenden Ziele verfolgen, für die das ausgegebene Kampagnen-Ziel zumeist nur Ablenkungscharakter oder bestenfalls unterhaltenden Wert hat, zielen Kampagnen von links allesamt auf die Konstituierung eines politischen Subjekts derer, denen die Verhältnisse anders den Subjektstatus vorenthalten. Auch in diesen Fällen sind die Ziele wesentliche Mittel, um das Fernziel der Gewinnung politischer Handlungsfähigkeit zu erreichen.” (HKWM 7/I, 2008)

Auf einer marxistischen Ebene kann man also in Anschluss an Haug die Frage stellen, wie wir sonst ein politisches Subjekt konstituieren und als Klasse auch wieder handlungsmächtiger werden wollen, wenn wir nicht auf Menschen systematisch zugehen und direkt mit ihnen sprechen? Für mich eine der zentralen Fragen für eine Linke – zudem Kommunist:innen – überhaupt.

Vermutlich unterscheidet uns das auch von den Zeugen Jehovas. Da kenne ich mich aber nicht aus, ich bin der Befreiungstheologie verbunden.

Ein Aspekt von diesem Workshop war, dass sich Aktivist:innen in Oberösterreich kennenlernen, vernetzen, austauschen und sich gegenseitig unterstützen. Ist das gelungen?

Rainer: Da müsste man die Teilnehmer:innen fragen. Ich denke aber schon. So waren zumindest die Rückmeldungen, die ich bekommen habe. Schön war, dass sich vorher nicht alle Teilnehmer:innen kannten – die KPÖ wächst – und dass trotz unterschiedlicher Zugänge, die Lust am gemeinsamen Tun im Vordergrund steht. Ich denke, das ist in einer entspannten Atmosphäre gelungen.

Es wird einen Folgetermin in ca. einem Monat mit dir geben. Warum ist das notwendig?

Rainer: Um am Ball zu bleiben, ist es gut, regelmäßig Termine zum Austausch für die am Projekt Beteiligten anbieten zu können. In jedem Fall ist es immer auch interessant zu sehen, welche praktischen Erfahrungen anderswo gemacht wurden. Daran schließen sich natürlich die Fragen an: Was können wir von andernorts lernen? Was funktioniert dort, aber bei uns vielleicht nicht, weil die Voraussetzungen anders sind? Wo können wir uns gegenseitig unterstützen? Außerdem kann so ein Austausch auch ein guter Einstieg für Neue sein – vorausgesetzt, die Neugier wird geweckt und es macht auch Spaß.