Ene Mene Muh und raus bist du: Droht das Aus für Wiens Gratis-Kindergarten?

Der Gratiskindergarten wird in Frage gestellt. Ein fataler Schritt für Kinder und Frauen. 

Häupls Erbe

Seit 2009 gibt es in Wien für alle den kostenlosen Zugang zu städtischen Kindergärten. Seither sorgt der Gratis-Zugang dafür, dass viele Kinder – gerade aus ärmeren Haushalten – in den Kindergarten gehen und so Beruf und Familie gerade für viele Mütter besser miteinander vereinbar sind.

Der Gratis-Kindergarten wackelt

Doch jetzt gibt es ernsthaften Anlass zur Sorge: Könnte der gratis Zugang aufgrund der schlechten Finanzlage gekippt werden? Werden im Zuge der Budgetkürzungen jetzt doch wieder Beiträge eingeführt? Nachdem sich die Wiener Stadtregierung aus SPÖ und NEOS im Wiener Gemeinderat auf Antrag der Grünen nicht eindeutig zum Erhalt des kostenlosen Kindergartens positioniert hat, steht diese Befürchtung nun im Raum.

Heiße Luft

In der Debatte wurde zwar versichert, dass man am Gratis-Kindergarten nicht rütteln wolle, dass die Versprechen der Stadtregierung unter Führung von Michael Ludwig aber nicht allzu viel wert sind, ist vielen Wiener:innen in den letzten Wochen wohl schmerzlich bewusst geworden. Während noch im Wien-Wahlkampf vehement versichert und sogar mit Videobeweis festgehalten wurde, dass das 365€-Öffi-Ticket auf jeden Fall bleibt, ist es jetzt – nur wenige Monate später – um satte 30% teurer. Ganz so eindeutig nach Erhalt des Gratis-Kindergartens klingt auch die Antwort von Barbara Novak (Finanzstadträtin, SPÖ) nicht: Da das Budget noch nicht konsolidiert sei, könne man zum jetzigen Zeitpunkt auch keine verbindlichen Aussagen zu einzelnen Budgetposten treffen.

Auf lange Sicht kurzsichtig

Am Gratis-Kindergarten zu rütteln ist aber nicht nur sozialpolitisch, sondern auch budgetpolitisch kurzsichtig und dumm. Beiträge einzuführen, würde bewirken, dass viele Familien – gerade jene mit weniger Geld – ihre Kinder nicht mehr in den Kindergarten schicken, sondern daheim von Müttern oder Großmüttern betreuen lassen. Mit fatalen Folgen für die soziale Entwicklung der Kinder, das Bildungssystem, den Arbeitsmarkt und die Gleichstellung und Selbstbestimmung von Frauen.

Denkt denn niemand an die Kinder?

Für Kinder aus sozial benachteiligten Familien, die häufig auf beengtem Raum und nur mit dem Nötigsten aufwachsen, bietet der Kindergarten eine wichtigen Raum. Der Kontakt zu anderen Kindern fördert nachweislich die Entwicklung und soziale Umgangsformen. Migrantische Kinder können spielend Deutsch lernen und haben es im späteren Bildungsweg dann mal leichter. Und auch sonst geht der Besuch eines Kindergartens oft mit dem Besuch höherer Schulformen einher.

Mama bleibt daheim

Für viele Familien und vor allem Frauen wäre das Aus für den Gratis-Kindergarten fatal, weil sich Beruf und Familie dann schlicht nicht mehr vereinbaren ließen. Mit der Einführung des Gratis-Kindergartens wurde für viele Frauen der Einstieg ins Berufsleben erst möglich. Etwa die Hälfte des Beschäftigungsanstiegs zwischen 2007 und 2014 lässt sich auf die Reform zurückführen. Wenn Kinder aus Kostengründen nicht mehr in den Kindergarten geschickt werden, braucht man nicht lange zu überlegen, wer die Betreuungslücke dann stopft: Mütter, Großmütter oder andere vor allem weibliche Familienmitglieder, die ja auch in anderen Bereichen weiterhin den allergrößten Teil der Care-Arbeit schmeißen. Das wirft sie in der Gleichstellung von Mann und Frau wieder um Jahrzehnte zurück und verschärft finanzielle Abhängigkeiten, die oft auch zu psychischer und physischer Gewalt führen können, verschärfen sich.

Beton statt Bildung

Obwohl der Besuch eines Kindergartens also aus vielen unterschiedlichen Aspekten positive Auswirkungen auf Kinder, Familien und die Gesellschaft als Ganzes hat, ist die Kettensäge womöglich schon angesetzt. Für die Lobau-Schnellstraße, deren Notwendigkeit, Umweltverträglichkeit und Sinnhaftigkeit, die meisten Expert:innen eine klare Absage erteilen, können hingegen ganz einfach Milliarden locker gemacht werden. Vielleicht stellt sich also bald wieder einmal die Fage: Wer hat uns verraten?

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