Tobias Schweiger: »Jedes Gespräch zeigt, dass das Vertrauen in die KLS der langjährigen Arbeit zu verdanken ist.«

Im Spätsommer 2022 hat die KLS in Krems bei den Gemeinderatswahlen ein drittes Mandat dazugewonnen. Tobias Schweiger berichtet in einer Reportage über den Wahlkampf vor Ort. Ein Artikel aus der VOLKSSTIMME.
Krems, 20. Oktober 2022
Wahlsonntag in Krems. Viele haben sich am Wahlabend in der KPÖ-Bezirksleitung versammelt und warten gespannt auf die ersten Auszählungsergebnisse aus dem Rathaus. Die Meldungen nach dem Schließen der Wahllokale sind vielversprechend und nach ein paar Stunden ist klar: Die Kremser Linke Stadtbewegung (KLS) gewinnt fast zwei Prozent dazu und erzielt damit das beste Ergebnis seit 1962. Die Freude ist riesig. Alle sind sichtlich gerührt. Eine dritte rote Fahne wird aus dem Fenster gehisst. Für jedes Mandat eine. In der Fußgängerzone von Krems wehen sie im Abendlicht.
Wer mit offenen Ohren durch die Stadt geht, hört viel von den Mandataren der KLS. Ein paar junge Menschen gehen am Wahlkampfstand vorbei. Einer nimmt sich im Vorbeigehen ein Feuerzeug mit. Seinen Freund:innen erklärt er: »Das sind die Einzigen, die es wirklich interessiert.« Auch in den Cafes rundherum ist die KLS Gesprächsthema. Viele steuern direkt den Stand an. Nikolaus »Niki« Lackner, Gemeinderat und Koch in einem Restaurant, lädt sie von weitem ein: »Servus! Komm, setz dich kurz her. Heute gibts Käferbohnengulasch, ist vegan, nur der Liebstöcklrahm nicht.« Viele herzliche Umarmungen später wird er sagen, dass es sehr schön ist, Politik und Küche zu verbinden. »Weißt du, wenn du jemandem etwas Gutes zu Essen machst, dann gehen auch die Ohren auf. Man schmeckt, dass mir das wichtig ist, und dabei reden wir”. Sein Erkennungsmerkmal: Eine dunkelrote Küchenuniform und eine Kappe. Am Stand treffen sich langjährige Freund:innen, politische Mitbewerber:innen, Tourist:innen, Passant:innen und Einwohner:innen Krems’ über alle Klassengrenzen hinweg. Obdachlose und Geflüchtete finden ihren Weg zum Stand ebenso wie die Mitarbeiter:innen der Stadtverwaltung und werden herzlich begrüßt und bewirtet.
Das durch die politische Arbeit der letzten Jahre geschaffene Vertrauen ist am Stand erlebbar. Die KLS ist seit 1945 im Kremser Gemeinderat vertreten. Insgesamt 32 Jahre war Franz Kral – lange als Einzelkämpfer – dort Gemeinderat. Auf ihn kommt auch immer noch das Gespräch auf der Straße. Dabei ist er seit 2016 nicht mehr Gemeinderat. Zwischen 1997 und 2002 war die KLS nicht im Stadtparlament vertreten. Doch sie kehrte zurück. Das kurzzeitige Herausfallen war der Startpunkt für Wolfgang Mahrer, den bekannten Gemeinderat und Vorsitzenden des Kontrollausschusses der Stadt. Er war früher Geschäftsführer von Kraus & Co, eine Firma spezialisiert auf den Handel mit den sozialistischen Ländern. Heute lebt er für die Kremser Politik und Kultur und ist ein wichtiger Grund für das stetige Wachstum der KLS in den letzten Perioden.
Zum ersten Mal treffe ich ihn in seinem Heimatbezirk Egelsee. Dieser Teil von Krems liegt schon auf dem Hochplateau über der Donau, Heurigen prägen den heimeligen Ort. Dort finden wir einen Tisch, die Wirtin führt unsere Gruppe dorthin. Sie stützt sich auf den Tisch, beugt sich vor und mustert jeden von uns. »Wisst ihr, der Wolfgang, der ist ein Freund. Ich hab wie eine Löwin für meine Tochter gekämpft. So bin ich. Der Wolfgang hat geholfen, dass ich mein Recht auf Unterstützung bekomme. Sonst wäre das nicht gegangen.« Er lächelt und ergänzt knapp: »Das haben wir geschafft.« Die Begrüßung geht ins Bestellen über. Später erzählt er uns von seiner Mutter, die die ersten Schulen in Krems nach dem Krieg gegründet hat. Dafür hat sie sich eine Kaserne von der Roten Armee organisiert. Zum Kommandeur soll sie gesagt haben. “Wenn ihr Krieg wollt, braucht ihr Kasernen. Wenn ihr Frieden wollt, dann braucht ihr Schulen”. Sein Vater war im Widerstand in der Wehrmacht aktiv. Die Erinnerung an seine Eltern hält Wolfgang Mahrer hoch. Die Geschichte seines Vaters lässt sich in der Erzählung »Die Bora« nachlesen.
In den letzten Jahren ist der KLS in Krems einiges gelungen. Ein erfolgreicher Antrag zur Verhinderung von Mieten-Teuerung, zwei Bankomaten in Stein, Gebührenbremse oder der Erhalt von Mieterschutzwohnungen, die einem Hotel zum Opfer fallen sollten. Dazu gehört auch seit Jahrzehnten die Unterstützung der Kultur Mitte, einem überparteilichen Kulturverein, der in den Räumen der KPÖ-Bezirksleitung regelmäßig Ausstellungen und Veranstaltungen organisiert. Und mit den Kremser Nachrichten erhalten alle Kremser Haushalte auch abseits der Wahl Informationen aus dem Gemeinderat. Die KLS hat ihre eigenen Medien, und die werden auch gelesen. »Ist der Wolfgang da? Ich wollt mit ihm über seinen Artikel zur Sache GEDESAG reden. Das war sehr gut.« Die GEDESAG – Gemeinnützige Donau- Ennstaler Siedlungs- Aktiengesellschaft – hält viele Wohnungen in Krems. Die ÖVP hatte sich für ihr Parteilokal dort Sonderrechte herausgeholt, während andere Mieter:innen höhere Kosten als notwendig zu tragen hatten. Das brachte Wolfgang Mahrer ans Licht.
Aber trotz dieser festen Verankerung in der Stadt war unklar, wie die Wahl ausgeht. Denn es hat sich viel verändert seit der letzten Wahl. 4.000 Wahlberechtigte weniger als 2017, das sind 17% weniger. Das kommt durch eine Wahlrechtsreform, die Zweitwohnsitze nicht mehr als Wahlberechtigte führt. Die Wahlbeteiligung sank zusätzlich von 65% auf 57% ab. Und die absolute Stimmenverteilung hat es in sich. Die SPÖ verlor in absoluten Stimmen über 35% ihrer Wähler:innen, die ÖVP sogar 36%, die FPÖ etwa 30% und die Grünen verloren über jede vierte Wählerin. Die KLS dagegen erhielt fast genauso viele Stimmen wie bei der letzten Wahl. Damit ist sie die einzige bisher im Gemeinderat vertretene Partei, die ihre Wählerbasis halten und erneuern konnte. Im Bezirk Lerchenfeld mit dem stärksten Rückgang der Wahlbeteiligung konnte die KLS ihre Stimmenzahl mehr als verdoppeln. Im traditionellen Kremser Arbeiter:innenbezirk ist das ein großer Erfolg.
Ich war in diesem Wahlkampf oft in Krems. Jedes Gespräch mit Leuten zeigt, dass es der langjährigen Arbeit zu verdanken ist, wie viel Vertrauen der KLS entgegenkommt. Aber hinter einem erfolgreichen Wahlkampf stehen viel mehr Menschen. Ohne die vielen Stunden der KPÖ-Landessprecherin Christiane Maringer wäre vieles nicht so rund gelaufen. Tagelang saß sie über den Artikeln der Kremser Nachrichten, dem Wahlkampfmaterial, den Bestellungen. Und auch viele Aktive der KLS haben neue Ideen eingebracht, neue Orte erschlossen und so erzählen können, auf welcher Arbeit die zukünftigen Ziele der KLS aufbauen. Um die 30 Menschen aus verschiedenen Bundesländern waren zusätzlich da, um mitzuhelfen, diese Geschichte weiterzutragen.
Und während bei jedem Stand Aktive in der Stadt verteilen, Flyer in Postkästen tragen oder Tiefgaragen mit Material versorgen, hören die beiden zu oder erzählen, was in der Stadtpolitik passiert. »In Egelsee haben wir mehr Stimmen als die FPÖ«, erklärt uns Wolfgang Mahrer sichtlich stolz. Egelsee ist sehr ländlich geprägt, obwohl es zu Krems gehört. Eine Passantin grüßt freundlich zum Stand rüber. Ein paar Minuten später kehrt sie zurück. In der Hand ein Sackerl mit Schokoladenherzen. »Für einen Politiker mit Herz« sagt sie.
Später am Wahlabend tritt der Bürgermeister im Rathaus vor die wartende Menge. Er verkündet das vorläufige Endergebnis. Nach der Mandatsverteilung gefragt, liest er auch diese vorläufig vor. »KLS: Drei bis Vier«. Nachrichten werden auf die Wahlfeier geschickt. Niemand kann es richtig fassen. Alle liegen sich in den Armen. Die Freudenrede von Nikolaus Lackner wird von zahlreichen Gratulationsnachrichten unterbrochen. Am Ende sind es drei Mandate geworden. Ein großartiges Ergebnis.
Das dritte Mandat geht an Ronny Weßling. Er lebt seit vier Jahren in Krems. Beruflich ist er in der 3D-Branche selbstständig tätig. In seiner Vorstellung nennt er viele Themen, die ihm wichtig sind. Soziale Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit, Feminismus und Klima. So kam der parteiunabhängige Aktivist zur KLS. Deren Einsatz für die Kremser*innen hat ihn beeindruckt. So begann er sich zu engagieren und half mit anderen mit, den Wahlkampf zu organisieren. Auch dieser neue Schwung hat zum Erfolg beigetragen.
Der Erfolg in Krems zeigt viele Dinge. Langjähriges und ehrliches Engagement tragen Früchte. Verankerung, wo man wohnt, ist ein wichtiger Baustein. Zugänglichkeit und Herzlichkeit können auch antikommunistische Vorurteile überwinden. Der Erfolg der KLS beruht auf dem genauen Zuhören und dem Einsatz gegen individuelle und kollektive Probleme. Die Probleme werden nicht nur benannt, sondern so lange begleitet, bis sich etwas verbessert hat. Der Erfolg beruht aber auch auf der Fähigkeit, mit Menschen zusammenzuarbeiten, wo es geteilte Interessen gibt. Sei es mit der Kultur Mitte, sei es mit Bewegungen wie Fridays for Future in Krems. Die KLS lebt eine Kultur des Miteinanders. Nicht von oben herab, sondern sie macht die Probleme der anderen zu eigenen oder zu gemeinsamen.

Nikolaus Lackner, der rote Koch von Krems kochte jeden Freitag in der Fußgängerzone von Krems.

Die Spitzenkandidaten im Wahlkampf. Rechts Manfred Mahrer, Links Nikolaus Lackner.

Der Wahlkampfstand in Aktion.

Tobias Schweiger (33) ist Bundessprecher der KPÖ.





























