KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Ernst Fettner feiert seinen hundertsten Geburtstag. Wir gratulieren!

Von: Michael Graber (29.5.2021)

Die KPÖ gratuliert dem Jubilar und langjährigen Redakteur der Volksstimme, der am 29. Mai seinen Hunderter im Kreis seiner großen Familie feiert. Wir gratulieren in Anerkennung für die Jahrzente lange Tätigkeit in der Arbeiter*innen­bewegung, für die KPÖ, für Demokratie und Sozialismus.

Ein Journalistenleben

Ernst Fettner feierte seinen hundertsten Geburtstag. Michael Graber besuchte den Jubilar.

Nur wenige hundert Meter vom Sitz der Redaktion der Volksstimme entfernt wohnt Ernst Fettner. Der Hundertjährige empfängt den Besucher in seiner Wohnung, rüstig und aufgeräumt wie immer. Warum sich mit dem Jubilar befassen? Er ist der einzige noch lebende Journalist, der die Anfänge der kommunistischen Presse nach 1945 erlebt und ihre Entwicklung mitgeformt hat. Ernst Fettner ist aber auch kompetenter Zeitzeuge zu den erlebten Katastrophen des 20. Jahrhunderts.

Dieses Leben beginnt in einer armen jüdischen Familie in Wien – die meisten Juden in Wien waren arm – und setzte sich früh in einem jüdischen Waisenhaus fort, da die Mutter gestorben war. Als Ernst wieder zur Familie seines Vaters zurückkehrte, wohnten neun Personen in der Zweizimmerwohnung. Von diesen überlebten nur zwei den Holocaust.

Wie Ernst Fettner mit KommunistInnen in Berührung kam? Er erzählt diese Geschichte nicht das erste Mal. Als jüdischer Jugendlicher wurde er nach dem Einmarsch der Nazis in eine der »Reibepartien« gezwungen, und nachdem sich die jüdischen Beschäftigten der Schneiderwerkstatt, in der Fettner beschäftigt war, während des Pogroms am 10.November 1938 in einem Keller verbarrikadiert hatten, glaubten die Nazis, dies sei eine kommunistische Zelle. Fettner war zu dieser Zeit, sagt er, völlig unpolitisch. Die Leute wurden verhaftet, und einer nach dem anderen wurde während des Verhörs geschlagen und gefoltert, weil sie leugneten, »Kommunisten« zu sein. Fettner versuchte es umgekehrt, gab zu, Kommunist zu sein, unterschrieb ein Geständnis, verpflichtete sich, das Land binnen eines Monats zu verlassen und ersparte sich die Schläge. Seither ist er »dabei«.

In der Emigration und einer der Befreier

Eine jüdische Jugendorganisation ermöglichte ihm die Flucht nach England. Fettner landete in Schottland, wo er einem landwirtschaf­tlichen Betrieb zugeteilt wurde. Später ging er nach Glasgow und stieß dort auf »Young Austria« und das »Austrian Center«, das sich – geführt von KommunistInnen – um die österreichischen Flüchtlinge kümmerte und für ein Wiedererstehen eines unabhängigen, demokratischen Österreich einsetzte. In diesem Umfeld entstanden auch Fettners erste journalistische Versuche, indem er Wandzeitungen erstellte und Beiträge für den »Zeitspiegel« verfasste, die wichtigste Publikation der österreichischen Emigration in England und darüber hinaus. Seine kommunistische Schulung erhielt er während der Internierung als »feindlicher Ausländer« auf der Isle of Man durch die dort inhaftierten Kommunisten. 1943 durften die Antifaschisten in die britische Armee eintreten, wozu Young Austria aufgerufen hatte, und Ernst Fettner kam als »Austrian Volunteer« zu den »Gordon Highlanders«. Mit dieser Einheit war er an der Befreiung Frankreichs, Belgiens, Hollands und Westdeutschlands beteiligt. Mit viel Glück überlebte er die Kämpfe.

Journalistische Anfänge in Kärnten

Nach dem Ende des Krieges, er war in Kärnten, rüstete Fettner ab, schloss sich der Freien Österreichischen Jugend (FÖJ) und der KPÖ an und meldete sich bei der Redaktion des »Volkswillen«, der damaligen KPÖ-Tageszeitung für Kärnten. »In dieser kleinen Redaktion musst du alles schreiben, von Chronik bis zur Politik«, fasst er diese Erfahrung zusammen; und Recherche außerhalb Klagenfurts sei nur mit dem Rad möglich gewesen. Damit begann seine journalistische Laufbahn, die nur drei Jahre unterbrochen wurde, als auch in der KPÖ am Höhepunkt des Kalten Krieges das Misstrauen gegenüber der englischen Emigration grassierte. Ernst Fettner kehrte mit seiner Frau nach Wien zurück und verdingte sich als Metallarbeiter bei Steyr, wo er unverzüglich eine Betriebszeitung gründete. Knapp vor der Wahl in den Betriebsrat holte ihn 1955 der damalige Chefredakteur der Volksstimme, Erwin Zucker- Schilling, in die Redaktion des damaligen Zentralorgans der KPÖ.

Innenpolitiker im Zentralorgan

Zunächst wurde ihm die Berichterstattung über Niederösterreich anvertraut. Später entwickelte sich Ernst Fettner zu einem der kompetentesten Innenpolitiker mit den Schwerpunkten Wirtschafts- und Sozialpolitik. Sein gewerkschaftliches Engagement brachte ihn bis ins Präsidium der Journalistenge­werkschaft. »Wir haben mit dem Günther Nenning gegen den Willen der ÖVP gepackelt«, resümiert Ernst Fettner über diese Episode. 1968 fiel ihm ausnahmsweise die Auslandsberichter­stattung aus der CSSR nach dem Einmarsch des Warschauer Pakts zu. Er konnte mit einer Adresse eines Kinderheims, in dem sich seine beiden Söhne zwei Jahre zuvor im Sommer aufhielten, und mit einem Pass, in dem die Berufsbezeichnung »Journalist« durch »Angestellter« ersetzt war, einreisen, was damals auch für einen kommunistischen Journalisten aus der damals zunächst kritischen KPÖ nicht so leicht war. Allerdings wurden seine Pro-Dubcek Berichte in der Redaktion immer weniger berücksichtigt, da sich die Linie der KPÖ inzwischen wieder geändert hatte.

»Es gab zu viele Lügen«

Auch nach seiner Pensionierung blieb Ernst Fettner der Redaktion der Volksstimme bis zur Einstellung der Tageszeitung im März 1991 treu. In den Jahrzehnten danach war er ein gefragter Zeitzeuge und gab Interviews in verschiedenen Medien und auf Veranstaltungen. Im steirischen Clio Verlag ist ein Buch über ihn in Vorbereitung. Zu den Fehlern der Vergangenheit in der Parteipresse meint Ernst Fettner: »Es gab zu viele Lügen«, allerdings vermisse er die Parteizeitungen, vertraute er dem Falter an, denn da wisse man, woran man ist. Der sogenannte unabhängige Journalismus sei eine Chimäre, denn jeder, der schreibt, wolle überzeugen.

Sein politisches Credo gab Ernst Fettner 1998 in einem Erinnerungsbuch ehemaliger FÖJler zu Protokoll: »Für die Linken ist die Lage derzeit nicht besonders rosig. Der Kapitalismus scheint zwar zu blühen, aber Blüten sind dazu bestimmt, abzusterben. Es wird an den nächsten Generationen liegen, die Welt entsprechend zu verändern und die Fehler der vergangenen Generationen nicht zu wiederholen.« Und später fügte er hinzu: »Dabei bleib ich.« Vor zwei Jahren starb seine zweite Frau, die ebenfalls viele Jahrzehnte in der Redaktion arbeitete.

Dieser Beitrag erscheint in der aktuellen Volksstimme Juni 2021.

PS. Demnächst erscheint ein Buch von Ernst Fettner: „Geh' du voran.“ Ein Jahrhundert. Hg. v. Jana Waldhör. Geb., ca. 220 Seiten mit zahlr. Abb. (ISBN 978–3–902542–93–9), Euro 25,00 (erscheint im August 2021)


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