KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Mein Marx.

Von: Claudia Krieglsteiner (5.5.2018)

Anfang der Achtziger Jahre, mit Zwanzig, als angehende Sozialarbeiterin auf der Suche nach Welterklärung und nach Werkzeug gegen Ungerechtigkeit anzugehen habe ich ihn kennengelernt, meinen Karl Marx.
Beitrag zur Artikelserie: MyMarx – KPÖ Mitglieder über ihren Karl Marx 

Für viele KommunistInnen eine „Spätberufene“, hatte ich bis dahin weder den Marxismus noch die Existenz der KPÖ zur Kenntnis genommen. In den 60ern in einer Kleinstadt im Tiroler Oberland aufgewachsen zu sein, erklärt diesen Umstand glaube ich aber ganz gut.

Welches Feuerwerk an – alle bisherigen Vorstellungen und Gedanken sprengenden – Einsichten haben Sätze aus den „Ökonomisch philosophischen Manuskripten“ ausgelöst! Wie großartig ermöglichen die „Thesen über Feuerbach“ Menschen in ihren Widersprüchen zu begreifen. Und ja – natürlich – wie unerreicht half und hilft das Kapital die Welt in der wir leben zu verstehen.

Wir waren zunächst eine Gruppe junger Leute, einige SozialarbeiterInnen und StudentInnen, die Feuer gefangen hatten, später aber auch „klassisch“ Arbeitende oder Lehrlinge, die zur auch damals sehr kleinen KPÖ-Tirol gestoßen waren und/oder im KSV gelesen und diskutiert haben und gemeinsam aktiv geworden sind. Auch einen Lesekreis zum Kapital (Band 1) hat es in der Folge gegeben – aber das Kapital und die Thesen über Feuerbach werden sicherlich in weiteren Texten dieser Serie gewürdigt.

Eine Maxime, die meiner Meinung nach unbedingt alle Zeiten überdauern darf: Keine Marxwürdigung ohne Originalzitate!

„Der Mensch eignet sich sein allseitiges Wesen auf eine allseitige Art an, also als ein totaler Mensch. Jedes seiner menschlichen Verhältnisse zur Welt, Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen, Denken, Anschauen, Empfinden, Wollen, Tätigsein, Lieben – kurz alle Organe seiner Individualität, wie die Organe, welche unmittelbar in ihrer Form gemeinschaftliche Organe sind, sind in ihrem gegenständlichen Verhalten oder in ihrem Verhalten zum Gegenstand die Aneignung der selben. Die Aneignung der menschlichen Wirklichkeit, ihr Verhalten zum Gegenstand ist die Betätigung der menschlichen Wirklichkeit, sie ist daher ebenso vielfach wie die menschliche Wesensbestimmungen und Tätigkeiten vielfach sind, menschliche Wirksamkeit und menschliches Leiden. Denn das Leiden menschlich gefasst ist Selbstgenuss des Menschen.“

Bumm. Wer schreibt denn so etwas? Ein Mann (!) vor – damals – 160 Jahren? Er hat Wörter in einen Satz geschrieben, in eine Reihe gestellt, die ganz unerhört war, sich mit menschlichem Leiden beschäftigt, ohne von religiösen Tröstungen in einem anderen Leben zu sprechen, sondern seine Überwindung im Diesseits empfohlen.

Marx hat biographisch mit diesen Auseinanderset­zungen begonnen und für mich haben sie den Zugang zu einer neuen Welt bedeutet. Marx hatte sich später der „Politischen Ökonomie“ zugewandt, um „Triebfedern“ des Bestehenden und Hebel zu finden, um „die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen (zu) bringen, indem man ihnen ihr eigene Melodie vorspielt. Aber er ist bei allen Analysen immer vom Menschen ausgegangen.

Aus „Lohn, Preis, Profit“:

„Zeit ist der Raum der menschlichen Entwicklung. Der Mensch, der nicht über freie Zeit verfügt, der abgesehen von rein physischen Unterbrechungen durch Schlaf, Mahlzeiten usw. von seiner Arbeit für den Kapitalisten verschlungen wird, ist weniger als ein Lasttier.“

Vielleicht würden wir heute „den Kapitalisten“ entpersonalisieren wollen und das Konsumverhalten der Leute in einer freie und doch nicht freien Zeit berücksichtigen und selbstverständlich werden wir die Sorgearbeit als in der „Frei“zeit stattfindende Arbeit (!) einbringen.

Aber ist dieser Satz auch fast 200 Jahre später nicht einfach großartig?!


Claudia Krieglsteiner ist Aktivistin der KPÖ in Wien


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