KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Gabriele Lener: Thesen zur Elementarbildung

(21.11.2012)

Input für den Workshop "Elementarbildung" bei der Konferenz "Education for a Society of Solidarity" [Download als pdf: hier]

Schulische Aus/Bildung hat immer zwei Seiten. Bildung als Zurichtung für den Arbeitsmarkt bzw. als Einordnung in das bestehende gesellschaftliche Gefüge einerseits, andererseits aber immer auch eine emanzipatorische Chance (Fähigkeiten erwerben, mit denen es leichter gelingt, etwas „selbst in die Hand zu bekommen“). Auf diesem Hintergrund wird verständlich, warum aus/bildungspo­litische Maßnahmen und angepeilte Strategien im Aus/Bildungssystem oftmals einander sehr ähnlich sehen, obwohl sie von ganz verschiedenen politischen Seiten kommen. So finden sich z.B. in den Perspektiven der Industriellen­vereinigung einige Punkte, die wir von linker Seite ähnlich formulieren würden, ebenso schwenken Konservative plötzlich auf Gesamtschulkurs um, etc. Unterschiedlich sind dabei jedoch die Ziele, die die jeweiligen aus/bildungspo­litischen AkteurInnen mit ihren Ideen verbinden. Nichts desto trotz: Zurichtung auf den Arbeitsmarkt bedeutet bei zunehmend komplizierter werdenden Arbeitsprozessen immer auch gleichzeitig Qualifizierung. Entscheidend dafür, welche gesellschaftlichen Wirkungen Aus/Bildungprozesse haben, ist nicht in erster Linie das Aus/Bildungssystem selbst, sondern die sozioökonomischen Prozesse und Widersprüche, in deren Rahmen Aus/Bildung zu verorten ist. Dies gilt nicht nur als politischer Glaubensatz, sondern ist auch empirische Realität: Aus/Bildungspo­litische Maßnahmen führen nur dort zur Reduktion sozialer Ungleichheit, wo sie von entsprechenden sozialen Maßnahmen (z.B. in der Wohnpolitik) begleitet werden.

In Österreich ist Bildungserfolg weitgehend eine Frage der sozialen und damit auch der ethnischen Herkunft (da sich MigrantInnen v.a. in sozioökonomisch unterprivilegierten Milieus befinden). Die Chancen auf einen Bildungsaufstieg sind in Österreich gering. Das zeigt die jüngst veröffentlichte OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“. Der Ausbau der Bildungssysteme hat in fast allen OECD-Ländern dazu geführt, dass junge Menschen einen höheren Bildungsstand erreichen als ihre Eltern (Aufwärtsmobilität, Fahrstuhleffekt) – damit geht aber keineswegs automatisch eine Reduktion der sozialen Ungleichheit einher!!!

Im OECD-Durchschnitt erreichen 37 Prozent der 25– bis 37-jährigen Erwerbstätigen einen höheren Bildungsstand als ihre Eltern und nur 13 Prozent verharren auf einem niedrigeren Bildungsniveau. In Österreich hingegen ist die Bildungsmobilität geringer: Nur 26 Prozent der 25– bis 34-jährigen Erwerbstätigen erreichen ein höheres Bildungsniveau als ihre Eltern (damit liegt Österreich in der OECD an siebentletzter Stelle. Der OECD-Schnitt liegt bei 37 Prozent.). 14 Prozent verharren auf einem niedrigeren Bildungsniveau (höhere Abwärtsmobilität als im OECD-Schnitt). In der Gruppe der 15–34-Jährigen erreichen nur 5 Prozent der jungen Menschen einen akademischen Bildungsabschluss, deren Eltern höchstens die Pflichtschule abgeschlossen haben. Ein Drittel der jungen Menschen, deren Eltern lediglich einen Pflichtschulab­schluss haben, schließen selbst auch keine weiterführende Schul- oder Ausbildung ab.

Die größten Chancen auf einen Bildungsaufstieg gibt es in Polen und Irland, wo 64 bzw. 57 Prozent einen höheren Bildungsstand als die Eltern erreichen. Die geringste „Aufwärtsmobilität“ weisen Estland (16 Prozent), die Slowakei (18 Prozent), Deutschland (20 Prozent) und die USA (22 Prozent) auf. Den gleichen Bildungsstand wie die Eltern schaffen in Österreich 59 Prozent (OECD: 50 Prozent), abwärts geht es aber inzwischen schon für 14 Prozent (OECD: 13 Prozent). Die Akademikerquote im Hinblick auf die Gesamtbevölkerung liegt in Österreich bei mageren 19 Prozent (OECD-Schnitt: 31 Prozent). Dh. in Österreich gibt es eine besonders geringe Bildungsmobilität.

<h2Strukturelle Benachteiligung spiegelt sich im Bildungssystem wider – hier exemplarisch 5 zentrale Bereiche:

1) zu später Schuleinstieg – versus Kindergarten ab 4 Jahren für alle und gratis

WIFO-Studie „Bildung 2025 – die Rolle von Bildung in der österreichischen Wirtschaft“: Eine wesentliche Voraussetzung für eine zusätzliche Verbesserung der Ausbildungsin­tensität ist ein hohes Augenmerk auf die Qualität des vorschulischen, des primären- und des Sekundarbereichs. Gewünscht wird ein Kindergarten als Bildungsgarten, ein verpflichtendes Kindergartenjahr, Sprachförderung, Basiskompetenzen (Bildungsstan­dards), Individualisierung (Neue Mittelschule), Ganztagsschule, neue Reife- und Diplomprüfung, Oberstufenreform, PädagogInnenbildung und –Fortbildung, Schulbauten und Ausstattung, Qualitätssiche­rung,…

2) zu frühe Laufbahnentsche­idungen und Differenziertheit des Schulsystems – versus Gesamtschule und gleichwertige LehrerInnenau­sbildung (ab dem Kindergartenbe­reich)

Auch die WIFO-Studie fordert die Absicherung von Basiskompetenz und Allgemeinbildung als Basis für berufsübergreifende Qualifikationen (Bildungsstandards, neue Reife- und Diplomprüfung,…) und eine stärkere Durchlässigkeit des Bildungssystems. Dem entgegen stehen nicht nur möglicherweise erhöhte Kosten, sondern vor allem auch das Begabungskonstrukt und die Leistungsideologie, die gesellschaftliche Ungleichheit legitimieren.

3) zu kurze Pflichtschuldauer – versus Pflichtschule bis ins Maturaalter

Schulpflicht bis zur Hochschulreife für alle könnte Dropouts reduzieren und den freien Zugang zum tertiären Bildungssektor für Kinder aus unterprivilegierten Milieus ermöglichen. Problem: Finanzierbarkeit (aber es gibt Beispiele: z.B. Israel)

4) Kulturalisierung von Widersprüchen und selektionswirksame Zuschreibungen an Kinder mit Migrationshin­tergrund – versus Wertschätzung und institutionelle Einbindung von Mehrsprachigkeit als Ressource 

Neben der Zugangsselektion spielt auch die Selbstselektion eine Rolle: Kinder mit geringem Selbstwirksam­keitskonzepts und wenig Verfügungsgewalt über die verschiedenen Kapitalssorten (i.S. von Bourdieu) gehen davon aus, dass eine erfolgreiche Schul- und Studienlaufbahn „nichts für sie ist“ und selektieren sich selbst. Die positive institutionelle Einbindung verschiedener Sprachen und „Kulturen“ ins Bildungssystem (z.B. breiterer Kanon des Fremdsprachenan­gebots) könnte der Selbstselektion entgegensteuern und die Zugangsbarrieren dieser Milieus senken.

5) Lähmende Bürokratie und Zementierung derselben z.B. bei Zentralmatura und Bildungsstandards – versus selbstverwaltete Bildungseinrichtun­gen mit ausreichenden Ressourcen 

An ausreichenden Ressourcen mangelt es ohnehin: der Anteil der Bildungsausgaben am BiP geht zurück. Selbstverwaltung hat allerdings auch eine grundsätzliche Kehrseite: die Gefahr der Standortkonkurrenz und der Privatisierung!!!! Auch die Bildungsstandards (die als Formalisierung von Bildungszielen zwar Basisskills abbilden, aber ansonsten das Gegenteil von emanzipatoris­cher/selbstbes­timmter Bildung darstellen) sind ein Einfallstor für Privatisierungen im Bildungsbereich: kann das öffentliche System nicht gewährleisten, dass die Bildungsstandards erreicht werden, so zahlen Eltern, die es sich leisten können, private Nachhilfe: boomt in Österreich (min. 25%), 17% der Wiener Kinder besuchen Privatschulen. Fortsetzung folgt bei der Vorbereitung auf die Uni-Eignungs- und Eingangsprüfungen …. (vgl. Frankreich: Elite und Massenunis, Türkei: Uni-Zulassungsprüfungen statt Matura, …)

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