KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Stalins langer Schatten

Von Walter Baier (15.12.1997)

KPÖ-Vorsitzender Walter Baier über die Auseinandersetzung seiner Partei mit der stalinistischen Erblast: Eine Erwiderung auf Konrad Paul Liessmann (Die Linke und der rote Terror, STANDARD, 6. Dezember).

Das Buch verdient gelesen und überdacht zu werden, schrieb die Volksstimme über Stéphane Courtois „Schwarzbuch des Kommunismus“, das demnächst auf deutsch erscheint. Konrad Paul Liessmann braucht nichts zu überdenken. Sein Urteil über den Weltkommunismus und dessen geistige Komplizen, linke und liberale Intellektuelle, stand fest, bevor Courtois' Anklageschrift auszugsweise im Spiegel zu lesen war.

Auf welche Widersprüche eine nicht durch Dogmen determinierte Beschäftigung mit Geschichte stoßen kann, gibt indes der heutigen KPÖ, die sich erneuern will, Stoff zum Überdenken und zur inneren Auseinandersetzung. So die Tatsache, daß nicht wenige der Menschen, die sich der Partei in den 20er und 30er Jahren angeschlossen hatten, ins Räderwerk des stalinistischen Terrors geraten waren, darunter nicht weniger als 16 Mitglieder des ehemalgen Parteivorstands bzw. Zentralkomitees.

1991 veröffen­tlichten Barry McLoughlin und Walter Szevera auf Anregung der damaligen KPÖ-Vorsitzenden auf Grundlage aus der UdSSR zur Verfügung gestellter Akten, Daten zu 150 Stalin-Opfern (McLoughlin, Szevera,„Postum rehabilitiert“). Inzwischen hat die KPÖ (Stand April 1997) Angaben über das Schicksal von weiteren 328 Österreiche­rinnen und Österreichern aus Rußland erhalten. Eine Dokumentation über die KPÖ-Bemühungen zur Aufklärung des Schicksals österreichischer Opfer des Stalinismus ist in Vorbereitung.

Courtois und Liessmann, die beide den Kommunismus als Jahrhundertver­brechen neben den Nazismus stellen, kennen ausschließlich die Täter. Die andere Seite, die der kommunistischen Opfer des Stalinismus, paßt nicht in dieses Bild und existiert für sie auch nicht. Sollten aber ausgerechnet diese, von denen viele an ihrer Überzeugung festgehalten hatten, mit weniger Recht als KommunistInnen gelten als ihre Peiniger und Verfolger? Aus dieser Fragestellung leitete die KPÖ-Führung, oder besser gesagt ein Teil von ihr, bereits Mitte der 50er Jahre eine moralische Verpflichtung ab, gegenüber den sowjetischen Behörden die Forderung nach Rehabilitierung zu erheben, unabhängig davon, ob die Opfer der Partei angehört hatten oder nicht.

Interne Widerstände

Dem langjährigen Parteivorsitzenden Muhri ist zu danken, daß die Problematik all die Jahre in den Kontakten zwischen sowjetischer und österreichischer KPÖ immer wieder releviert wurde. Dabei war die Stalinismus-Forschung auch in der KPÖ schwierig. Noch Anfang der 90er Jahre zerfiel eine mit dem Thema befaßte Arbeitsgruppe aufgrund inakzeptabler interner Widerstände und eskalierender Meinungsunter­schiede. Zwei der Mitarbeiter entschlossen sich, die Thematik außerhalb der KPÖ zu bearbeiten. Ihre umfangreiche Arbeit ist inzwischen im Verlag für Gesellschaftskritik erschienen (McLoughlin, Schafranek, Szevera, „Aufbruch, Hoffnung, Endstation“).

Stéphane Courtois beziffert die weltweiten Opfer des Kommunismus mit 85 Millionen Menschen. Diese Zahl, die geradezu zum Vergleich mit dem Nazismus geschaffen scheint, ergibt sich aus der Zusammenzählung aller direkten und indirekten Opfer von Bürgerkriegen, Umsiedlungen und Hungersnöten in der UdSSR und China, dem Genozid in Kambodscha mit den Opfern von Exekutionen und Schauprozessen in Osteuropa. Ich frage mich nach dem Zweck einer solchen Rechnung. Wäre denn die Bilanz selbst wenn man von den niedrigsten heute zugänglichen Zahlen ausgeht weniger bestürzend?

Nur eine Wahrheit?

Es wäre indes unerträglich, der makaberen Rechnung andere Rechnungen gegenüberzustellen. Der Kern der Kontroverse besteht in anderem: Courtois teilt mit unbelehrten Verteidigern des Stalinismus eine zentrale These: das Stalinsche Modell, sein Totalitarismus und sein Terror seien keine Entartung sondern die direkte Konsequenz nicht nur der russischen Oktoberrevolution sondern aller kommunistischen Bestrebungen seit Karl Marx. Bewußt wird dabei die Vielzahl unterschiedlicher und gegensätzlicher Strömungen des Marxismus und Kommunismus ausgeklammert. Ignoriert werden auch die innerkommunis­tischen Versuche, aus dem stalinistischen Korsett auszubrechen. Wesentliche Kapitel des Kommunismus wurden aber von den VertreterInnen einer antistalinistischen Traditionslinie geschrieben, die ihre Dissidenz mit Ausgrenzung und oftmals mit dem Leben bezahlten.

Wer den Stalinismus für die einzige, die totale Wahrheit des Kommunismus hält, der wird mit derselben Konsequenz auch in der Inquisition oder der Ausrottung der indigenen Kulturen Lateinamerikas die alleinigen Wahrheiten des Christentums sehen müssen, und die vielfache Selbstkritik sowie das jahrhundertelange Ringen um Wahrheit und Gerechtigkeit innerhalb der Kirchen negieren.

Konkret ist: Es gab den Kommunismus des Zwanges mit seinen menschlichen Katastrophen, aber auch jenen der Suche nach Freiheit, es gab sowohl Stalin wie Rosa Luxemburg, Gramcsi, Dubcek, Fischer oder Berlinguer. Und es gab auch in Österreich viele Tausende mutige und aufrechte Menschen, die nicht um Stalins Willen, sondern ihrer eigenen Überzeugung folgend Menschenwürde und Demokratie gegen den Hitlerfaschismus verteidigten. Doch nicht um Historisches geht es allein, sondern, und hier steht die KPÖ vor demselben Problem wie ihre großen Schwestern in Frankreich, Italien oder Spanien: um die Entwicklung eines neuen, demokratischen Kommunismus als fundamentale Herausforderung des neoliberal entgrenzten Kapitalismus.

Artikel von Mag. Walter Baier, Vorsitzender der KPÖ, im „Standard“ , Montag, 15. Dezember 1997

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