KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Zur Gramsci-Rezeption in der KPÖ ??

Von Michael Graber (13.1.2011)

Die Bedeutung Antonio Gramscis für die Erneuerung marxistischen Denkens hervorzuheben bedeutet heute Eulen nach Athen tragen.

Heute liegt Gramscis' im faschistischen Gefängnis entstandenes Hauptwerk in deutscher Sprache in einer kritischen Gesamtausgabe vor. Die Sekundärliteratur ist unüberschaubar geworden und Gramscis Begrifflichkeiten aus seiner Theorie der Politik haben Eingang auch in den dem Marxismus durchaus fernen Diskursen gefunden, kurz sie sind „hegemonial“ geworden. ??

Vorreiter KPÖ

Allerdings, die Gramsci-Rezeption setzte im deutschsprachigen Raum erst dreißig Jahre nach seinem frühen Tod 1937 und eineinhalb Jahrzehnte nach der Veröffentlichung der “Gefängnishefte” ein. Eine Vorreiterrolle in der Gramsci-Rezeption im deutschsprachigen Raum spielte die KPÖ. Das war kein Zufall. ???Mitte der 60er Jahre begann sich in der KPÖ eine Politik zu formieren, die versuchte die politische Isolierung, in der sich die Partei durch den Kalten Krieg aber auch durch eigene Fehler befand, zu durchbrechen. Dabei wurden auch einige Dogmen des offiziellen “Marxismus-Leninismus” in Frage gestellt, wie er in den damaligen Ländern des “realen Sozialismus", der damals allerding noch nicht so hieß, gehandhabt wurde. Federführend für diese Orientierung war nicht nur Ernst Fischer, der damals bekannteste Intellektuelle der KPÖ, der sich allerdings seit seinem Ausscheiden aus dem Nationalrat 1959 von der aktiven Politik zurückgezogen hatte, sondern vor allem Franz Marek, der die Redaktion des theoretischen Organs der KPÖ “Weg und Ziel” leitete. ???Bis dahin galt Gramsci vor allem als Held und Märtyrer der kommunistischen Bewegung, dessen Hirn die faschistischen Machthaber versuchten noch zu Lebzeiten „funktionsunfähig“ zu machen.

Eine Auswahl der unmittelbar nach 1945 veröffen­tlichten Briefe Gramscis aus dem Gefängnis und der Aufsatz “Zur Frage des Süden” wurden alsbald auch in der DDR publiziert. Die Gedenkartikel zu Gramscis Geburts- und Todestagen beschränkten sich im wesentlichen auf die biographischen Angaben, die Würdigung seiner Person und seines Wirkens für die italienische KP. ??

Der unbekannte Gramsci

Ab 1966 beschäftigte sich Franz Marek ausführlich mit dem theoretischen Gedankengebäude Gramscis in “Weg und Ziel” und musste feststellen, daß Gramscis theoretisches Denken bis dahin in der Arbeiterbewegung außerhalb Italiens “weitgehend unbekannt” war. “In den sozialistischen Parteien nennt und kennt man ihn nicht, weil es sich um den Gründer und Inspirator der italienischen Kommunisten handelt, und die Kommunisten außerhalb Italiens wissen – von biographischen Daten und den “Briefen aus dem Kerker” abgesehen- recht wenig von den Auffassungen und Überlegungen Gramscis, weil er der geistige Wegweiser der italienischen Kommunisten war, denen die Führung der Kommunistischen Internationale schon bald nach der Gründung der Partei vorwarf, daß sie zu viel theoretisieren, wenn sie Politik machen. Und schon der erste Kontakt mit den Gedankengängen Gramscis bestätigt, daß diese auf keinen Fall von der kommunistischen Bewegung in der Stalinzeit absorbiert hätte werden können.” ???Marek benannte also konkrete Ursachen für die Unkenntnis. Es waren die ideologischen Machtverhältnisse nicht nur in den sozialistischen sondern auch in den kommunistischen Parteien, insbesondere die an der Macht, die auch dafür bestimmend waren, was von Gramsci übersetzt und publiziert wurde. Selbst die erste deutschsprachige Publikation einer Auswahl aus den “Gefängnisheften” erschien 1967 in einem nichtkommunis­tischen Verlag. Aber, so Marek, der Nebel begann sich langsam zu lichten. Und in seinem großen Überschwang, den er mit der Lektüre Gramscis verband, schreibt Marek, “Friedrich Engels hat die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft dargestellt; Gramsci wirft das philosophische Problem der Entwicklung des Sozialismus von der Wissenschaft zur Aktion auf …”

Marxismus als Wissenschaft

Prägend für Marek und seine Gramsci-Rezeption war dessen Einstellung zum Marxismus als Wissenschaft. Deshalb hob er Gramscis Aussage hervor, “ daß die wissenschaftliche Diskussion kein Gerichtsprozess ist, in dem es einen Angeklagten gibt und einen Staatsanwalt, der verpflichtet ist, den Nachweis zu führen, daß der Angeklagte schuldig ist und verschwinden muß. In der wissenschaftlichen Diskussion, in der es ja darauf ankommt, die Wahrheit zu suchen und die Wissenschaft zu entwickeln, ist jener weiter vorn, der sich auf den Standpunkt stellt, daß der Gegner eine Forderung zum Ausdruck bringen kann, die in die eigene Vorstellungswelt eingebaut werden kann, wenn auch nur als untergeordnetes Element. Die Überlegungen des Gegners verstehend und realistisch wertend (und manchmal ist die Gedankenwelt der Vergangenheit der Gegner) bedeutet, sich auf einen kritischen Standpunkt stellen, den einzig fruchtbaren in der wissenschaftlichen Forschung.” ???Wenn man berücksichtigt, daß Generationen von KommunistInnen den berüchtigten stalinschen “Kurzen Lehrgang zur Geschichte der KPdSU (B)” aus den 30er Jahren als Inbegriff des “Marxismus-Leninismus” vermittelt bekommen hatten, indem es nur so von Klägern und Angeklagten, Verschwörern und Verrätern am “Marxismus-Leninismus” und der Partei wimmelte, mußte die von Gramsci eingeforderte und vermittelte politische Kultur wie eine Erlösung wirken.

Erneuerung der marxistischen Geschichtsphi­losophie

Ein besonderes Anliegen Mareks war es, die Erneuerung der marxistischen Geschichtsphi­losophie durch Gramsci darzustellen, die sich sowohl gegen den Fatalismus der Zweiten Internationale und des Austromarxismus als auch gegen den “mythischen Voluntarismus”der revolutionären Phrase richtete. “Von Kautsky bis zu Stalin spannt sich ein Bogen marxistischen Denkens, für das – um einen Ausdruck Gramscis zu gebrauchen – die Gesetze der Naturwissenschaft das “Modell” von Bewegungsgesetzen abgaben, die den geschichtlichen Ablauf und die Aufeinanderfolge der Gesellschaftsfor­mationen erklären sollten”, schrieb Marek. “Diese naturgeschichtliche Deutung der Entwicklungsge­setzmäßigkeit in der Gesellschaft prägte die Folklore der Arbeiterbewegung, schuf jenes Aroma von “ehernem Muߔ, das die Ablöse des Kapitalismus durch den Sozialismus mit der Folge von Ebbe und Flut oder von Tag und Nacht verglich – was vor allem in Zeiten der Ebbe und der Nacht Trost und Zuversicht bedeutete.”

Angesichts der wachsenden Bedeutung der Intellektuellen in der Gesellschaft und in der Arbeiterbewegung im Zuge der wissenschaftlich technischen Revolution und die “Argumentation für die Überlegenheit des Sozialismus die intellektuellen und moralischen Argumente in den Vordergrund treten”, interessierten Marek die Äußerungen Gramscis zu diesem Thema, die er als “in der marxistischen Literatur einzigartig” charakterisierte.

Erstmals wurde auf diese Weise Gramscis Unterscheidung zwischen den traditionellen und organischen Intellektuellen in ihrer Bedeutung für die Arbeiterbewegung und die geistige Auseinandersetzung in der Gesellschaft referiert. Die ideologische Auseinandersetzung gleiche nicht der militärischen. Es komme nicht darauf an, schwache Stellen zu erspähen, sondern sich an den stärksten Positionen des Gegners zu schlagen.

Marek, der zu dieser Zeit auch sein Buch “Philosophie der Weltrevolution” veröffentlichte, wies auf die Aktualität der Analyse Gramscis über die Unterschiede zwischen den Bedingungen Rußlands zur Zeit der Oktoberrevolution und denen in Westeuropas hin, denen die Taktik des “Bewegungskrieg” der Bolschewiki und eines notwendigen “Stellungskriegs” in den entwickelten kapitalistischen Staaten entsprach. Die “Eroberung des vorgeschobenen Schützengrabens (der Zivilgesellschaft, M.G.) heißt die Eroberung breiter Massen durch eine neue und andere Weltanschauung, durch eine neue und andere Moral, durch eine neue und andere Denkweise.”

Auffällig ist in Mareks Rezeption, daß er auf den Begriff der “Zivilgesellschaf­t”, die in den 70er Jahren die Gramsci-Rezeption beherrschte, überhaupt nicht einging.

Wichtig war Marek auch Gramscis Einstellung zu den gläubigen Massen, gab es doch in den 60er Jahren einen öffentlichen Dialog zwischen Vertretern der katholischen Kirche und bekannten marxistischen Intellektuellen.

Der sterile Antiklerikalismus verwirre nur, referierte er Gramsci. Wenn man sich bloß mit Atheisten abgebe, werde man in der Minderheit bleiben. Es gebe reaktionäre Bougeois, die Atheisten seien und sich über die Priester lustig machten, aber die Arbeiterbewegung wild bekämpften und für den Krieg eintreten. Und es gebe religiöse Menschen, die keine Unternehmer seien, in die Messe gingen, aber bereit seien, mit den Arbeitern gegen den Krieg einzutreten. Das klinge, so Marek, heute sehr plausibel, aber zu Zeiten Gramscis schien es reinster Opportunismus.

Gramsci und die Normalisierung

Mit dem Ende des Erneuerungsversuch in der KPÖ nach dem Einmarsch der Warschauer Paktstaaten in die CSSR 1968 und der “Normalisierung” der KPÖ ab 1969 endete auch die Gramsci-Rezeption in der KPÖ abrupt. Zwischen 1968 und 1981 findet sich ein(!) Gedenkartikel über Gramsci in “Weg und Ziel”, obwohl sich in dieser Zeit die Gramsci-Rezeption im deutschsprachigen Raum erst richtig entwickelte, allerding überwiegend außerhalb der kommunistischen Parteien. Niemand erinnerte mehr an die Vorläuferrolle der KPÖ in der Gramsci-Rezeption. Auch die KPÖ selbst nicht.

Anfang der 80er Jahre erschien ein Buch von Detlev Albers (des heutigen Vorsitzenden der Grundwertekom­mission der SPD) indem er Gramsci und Otto Bauer als Vorläufer einer erneuerten marxistischen Theorie der Politik behandelte.

Erst diese Vereinnahmungsver­suche von (damals) linkssozialis­tischer Seite bewogen den damaligen Chefideologen der KPÖ Ernst Wimmer sich neuerdings mit Gramsci zu befassen. Die KPÖ gab eine Reihe seiner Artikel, die seit 1981 in “Weg und Ziel” erschienen als Broschüre heraus.

Hegemonie und Macht

Das Verdienst Wimmers bestand darin, die revolutionäre Intention Gramscis in allen seinen Überlegungen hervorzuheben, zum Unterschied von Interpretationen, die die politischen Begrifflichkeiten Gramscis insbesondere den Begriff der “Zivilgesellschaf­t”auf politologische Begriffe reduzierten und sie zum Ausgangspunkt rein reformistischer Politik machten. Aber fast alle Artikel Wimmers kreisten fast ausschließlich um das Problem Hegemonie und Macht und klammerten viele andere Bereiche des marxistischen Denkens Gramscis aus und bewegten sich auf einer Ebene der Verteidigung vorgeblicher marxistischer Orthodoxie, die auf neue, dringende Probleme wenn überhaupt, nur widerwillig oder zynisch reagierte.

Während Wimmer 1981 durchaus mit gramscischer Begrifflichkeit den Verlust sozialistischer Hegemonie in Polen (und damit wohl auch im übrigen sozialistischen Lager) registrierte, fand sich im 1982 beschlossenen von Wimmer redigierten Programms der KPÖ “Sozialismus in Österreichs Farben” zum gleichen Thema nur der Satz, daß “auch im Sozialismus Fortbewegung nur auf dem Weg der Entstehung und Lösung von Widersprüchen möglich”sei. Und zu Zeiten des Kriegsrechts in Polen, daß “die Grundtendenz des Sozialismus die immer aktivere, sachkundigere und bewußtere Teilnahme einer immer größeren Zahl von Menschen an Entscheidungen ihrer Lebensfragen” sei.

Man muß Wimmer zugute halten, daß er am Ende seines Lebens (er starb 67jährig im Herbst 1991) feststellte: Akzeptiert man probeweise den Begriff Stalinismus, so ist aus theoretischer Sicht – das letztlich verhängnisvollste, das verderblich Einseitige die Reduzierung der Machtfrage auf den Staat (mit dem Verschwinden von Hegemonie als Aufgabe als logischer Folge) und die Verabsolutierung realer äußerer Widerspüche bis zum Konzept der “zwei Lager”, bei gleichzeitiger Negierung der eigenen inneren Widersprüche und Unterschiede. Darin liegt wohl die tiefste Ursache für das Scheitern.”

Aber zu diesem Zeitpunkt hatte das Leben die KPÖ bereits eingeholt und ihr die nächste schwere Krise beigebracht, aus der sie sich nur langsam erholte.

1992 fand der erste Gramsci-Kongreß in Österreich, organisiert von der KPÖ, statt.

Der Text wurde anläßlich „90 Jahre KPÖ“ im Juli 2008 in der Volksstimme publiziert.