KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Antonio Gramsci – Persönlichkeit, Politik, Theorie

Von Harald Neubert (18.1.2011)

Antonio Gramsci – seine Persönlichkeit, seine politische Rolle und sein theoretisches Vermächtnis aus heutiger Sicht

Vortrags- und Seminarbehelf für die Gramsci-Veranstaltung der KPÖ, 7. und 8. Juni 2008, Salzburg

Inhalt

I. Antonio Gramscis Platz als Parteiführer und marxistischer Theoretiker in der Geschichte der Arbeiterbewegung

  1. Allgemeine Bemerkungen zur Person und zum Werk Gramscis

    > Einige erklärende Einfügungen zu den sowjetischen Angehörigen Gramscis

    > Briefe an seine Söhne

    > Aktuelle Bekenntnisse des Enkels von Gramsci
  2. Theoretische und strategische Aufgaben der kommunistischen Bewegung nach der Oktoberrevolution und nach Lenins Tod
  3. Gramscis schriftliche Hinterlassenschaft

    > Allgemeine Bemerkungen zum Werk Gramscis

    > Untergliederung seiner schriftlichen Hinterlassenschaft

    >> Erste Rubrik: Journalistische und publizistische Schriften

    >> Zweite Rubrik: Spezifische Dokumente aus der parteipolitischen Tätigkeit Gramscis

    >> Dritte Rubrik: Studien zur italienischen Nationalgeschichte und Kultur

    >> Vierte Rubrik: Die Briefe Gramscis

    >> Fünfte Rubrik: Die Gefängnishefte

    >> Sechste Rubrik: Sammlung von Märchen und Fabeln „der Freiheit“
  4. Anmerkungen zum heutigen Umgang mit dem Erbe Gramscis
  5. Zur Gramsci-Rezeption, zu Publikationen und Würdigungen in der BRD und der DDR

II. Der Beitrag Antonio Gramscis zur marxistischen Theorie und zum strategischen Denken, einschließlich der Frage nach deren aktueller Bedeutung

  1. Wesentliche Aspekte des marxistischen Theorieverständnis­ses Gramscis
  2. Einschätzung der Oktoberrevolution und Schlußfolgerungen für die Revolutions- und Gesellschaftsthe­orie daraus
  3. Zu allgemeinen gesellschaftsthe­oretischen Erkenntnissen Gramscis
  4. Gramscis Schlußfolgerungen aus dem Situationswandel seiner Zeit
  5. Gramscis Verständnis von der Rolle und Funktion von Parteien in der Gesellschaft generell, der kommunistischen Partei im besonderen
  6. Lassen Gramscis Auffassungen auf Ursachen des Scheiterns sozialistischer Ordnungen schließen?
  7. Die nationale und internationale Dimension der Arbeiterbewegung

I. Antonio Gramscis Platz als Parteiführer und marxistischer Theoretiker in der Geschichte der Arbeiterbewegung

1. Allgemeine Bemerkungen zur Person und zum Werk Gramscis

Was veranlaßt uns heute, uns 71 Jahre nach dem Tode des Italieners Antonio Gramscis mit ihm und seinem Werk zu beschäftigen? Geht es nur um die Würdigung einer historischen Persönlichkeit oder vermag er uns heute noch ein politisches und theoretisches Instrumentarium für die Gesellschaftsa­nalyse und für sozialistische Politik zu bieten?

Antonio Gramsci war als ein hervorragender Vertreter der italienischen Kultur und Politik der ersten Hälfte des 20. Jh. und zugleich in vieler Hinsicht eine tragische Figur. In der kommunistischen Bewegung wurde er zwar geehrt, vor allem, weil er entschiedener Gegner des Faschismus war und eines seiner prominentesten Opfer wurde. Doch seine zum Teil bahnbrechenden Ideen hatten auf die kommunistische Bewegung keinen Einfluß, wenn man von einer gewissen Rezeption in der Italienischen KP nach 1944 absieht.

Was charakterisierte seine Persönlichkeit? Er war Historiker und Philosoph, Journalist, Literatur- und Kulturkritiker, Politiker, Parteiführer und Theoretiker der sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung. Das heutige Interesse an ihm bezieht sich vor allem auf seinen Beitrag zur Entwicklung der marxistischen Theorie. Dabei muß man betonen, daß seine Bedeutung als marxistischer Theoretiker sich nicht von der des kommunistischen Parteiführers trennen läßt, wie das gelegentlich geschieht.

Palmiro Togliatti unterstrich diesen Zusammenhang, indem er folgende Einschätzung traf: „Gramsci war Theoretiker der Politik, vor allem aber war er ein praktischer Politiker, das heißt ein Kämpfer. Seine Auffassung von Politik lehnt sowohl den Instrumentalismus als auch den abstrakten Moralismus oder die abstrakte Ausarbeitung von Theorien ab.“ [1]

Die wichtigsten Lebensdaten Gramscis:

  • Geboren wurde er 1891 auf Sardinien in der Familie eines kleinen Staatsangestellten.
  • Ein Unfall als Kleinkind führte zu einer körperlichen Deformierung, die seinen Gesundheitszustand und sein Wachstum dauerhaft beeinträchtigte. Er war vermutlich nur 1,50 m groß.
  • Aufgrund seiner überragenden geistigen Fähigkeiten erhielt er ein Stipendium zum Studium an der Universität Turin.
  • 1915 wurde er Redakteur der sozialistischen Zeitung Turins „Grido del popolo“ („Ruf des Volkes“)
  • 1917 übernahm er die Funktion des Sekretärs der Turiner Sektion der Sozialistischen Partei und des Direktors von „Grido del popolo“.
  • Im November 1917 Gramsci begrüßte Gramsci die russische Oktoberrevolution und wünschte, es in Italien ebenso zu tun wie in Rußland.
  • 1919 Im Mai 1919 gründete er zusammen mit Palmiro Togliatti und anderen Mitstreitern die Zeitschrift „L’Ordine Nuovo„ („Die neue Ordnung“) und begann eine prinzipielle Auseinandersetzung mit der reformistischen Führung der Sozialistischen Partei.
  • 1920–21 war er maßgeblich an den revolutionären Bewegungen der Arbeiter in Oberitalien beteiligt, so an der Bildung von Fabrikräten, am Generalstreik (im April 1920) und an Fabrikbesetzungen (im September 1920).
  • Am 21. Januar 1921 war Gramsci in Livorno Mitbegründer der Kommunistischen Partei, deren Leitung Amadeo Bordiga übernahm.
  • Gramsci weilte vom Mai 1922 bis Herbst 1923 als Vertreter der KPI beim Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale in Moskau. Hier heiratete er Julia Schucht, mit der er aber kaum zusammenleben konnte. Mit ihr hatte er zwei inzwischen verstorbene Söhne Giuliano und Delio, die in Moskau aufwuchsen und lebten. Heute lebt in Moskau noch ein Enkel Gramscis mit Namen Antonio Gramsci.

Einige erklärende Einfügungen zu den sowjetischen Angehörigen Gramscis

Briefe an seine Söhne

Während Gramsci in Italien im Zuchthaus saß, wuchsen seine beiden Söhne bei der Mutter in Moskau auf. Nicht nur mit seiner Frau, sondern auch mit den Söhnen unterhält sich Gramsci brieflich über ganz persönliche Dinge. So war er um sie besorgt und um ständigen Kontakt zu ihnen bemüht.

Delio schickt ihm kindliche Zeichnungen, für die er sich bedankte. In mehren Briefen tauschten sie Gedanken über das Leben von Elefanten aus. U.a. antwortete Gramsci: Ich weiß nicht , ob sich ein Elefant so weit entwickeln kann, daß er ein solches Wesen wie der Mensch wird, der fähig ist, die Kräfte der Natur zu beherrschen und sich die Natur für seine Zwecke nutzbar zu machen … In einem Brief fragt Gramsci Delio, warum er nicht über seinen Papagei schreibt; ob er denn noch lebe …

Von dem anderen Sohn, Giuliano, will Gramsci wissen, wie es in der Schule läuft, was ihm am meisten gefalle, ob es das Leben am Meer ist oder das Leben in Waldesnähe, zwischen hohen Bäumen. Er solle ihm mal seinen ganzen Tagesablauf beschreiben, damit er eine Vorstellung bekomme von seinem Leben in Moskau.

Aktuelle Bekenntnisse des Enkels von Gramsci

Aus: L’Unità, 18. Oktober 2007

Artikel von Antonio Gramsci jr., Enkel von Antonio Gramsci, der wie sein Vater Giuliano (gest. am 23. Juli 2007) als Musiker in Moskau lebt und ein Buch über die Familie seiner Großmutter Julia Schucht, der Frau Gramscis, schreibt.

„Ich muß bekennen, daß ich vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion kein besonderes Interesse an meinem Großvater besaß. In der Sowjetunion wurde der Person Antonio Gramscis wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht. Alle kannten Palmiro Togliatti, der den historischen Führer der italienischen kommunistischen Bewegung verkörperte. In den Schulbüchern waren Gramsci nur wenige Zeilen gewidmet, in denen er mehr als Märtyrer des faschistischen Regimes und viel weniger als Denker und politischer Führer dargestellt wurde. In Rußland wurden nur wenige Werke Antonio Gramscis publiziert, vor allem seine politischen Schriften vor der Inhaftierung. Ich vermochte mich als typischer sowjetischer Jugendlicher, der bereits gegenüber der umfassenden offiziellen Propaganda allergisch war, für das Thema nicht zu interessieren …

Alles änderte sich nach 1991, das für mein Leben eine Entscheidungsjahr war, da zwei große Ereignisse zusammenfielen – der 100. Geburtstag Antonio Gramscis und das Auseinander brechen der UdSSR. Meine Reise nach Italien, die von der Gramsci-Stiftung organisiert worden war, dauerte vier Monate …“

Aus: L’Unità, 20. November 2007

Artikel von Antonio Gramsci jr.: Viele Irrtümer in Bezug auf meinen Großvater

Gramsci wendet sich gegen die Behauptung, die Familie Schucht sei von Stalin verfolgt wurden. Im Gegenteil hätte sie Privilegien genossen, da sie zur bolschewistischen Elite gehörte. Ebenfalls sei die Kontroverse zwischen Gramsci und Togliatti übertrieben wurden. Es hätte auch keinen Bruch Gramscis mit der Partei gegeben.

Gramsci wäre in der Sowjetunion verehrt worden, weil man ja „Heilige“ des Kommunismus brauchte.

Falsch sei auch die Behauptung, Julia Schucht sei vom sowjetischen Geheimdienst auf Gramsci angesetzt gewesen, um ihn zu überwachen.

  • 1924 gründete er nach seiner Rückkehr aus Moskau in Wien die kommunistische Tageszeitung „L’Unità“. Eine seiner Mitarbeiter war u. a. Guido Zamiš, österreichischer Kommunist, der sodann in der DDR lebte und sich um die Publikation von Arbeiten Gramscis verdient gemacht hat.
  • Nach seiner Wahl zum Abgeordneten des italienischen Parlaments kehrte Gramsci 1924 nach Italien zurück. In dieser Zeit fanden in der jungen Partei Auseinanderset­zungen mit dem Parteivorsitzenden Amadeo Bordiga wegen dessen Sektierertum revolutionären Radikalismus statt. Gramsci übernahm die Parteiführung.
  • 1926 Verhaftung
  • 1927 fand ein Prozeß gegen ihn statt, bei dem er zu einer mehr als zwanzigjährigen Zuchthausstrafe verurteilt wurde.
  • In der Haft geriet er in Konflikt mit seiner Partei, so daß man ihm mit Mißtrauen begegnete. Kontakte hatte er vor allem mit seiner Schwägerin Tatjana Schucht, der Schwester seiner Frau, die in Italien als Musiklehrerin leb­te.
  • An 27. April 1937 verstarb er an den Folgen der Kerkerhaft 46jährig in einer römischen Klinik.

2. Theoretische und strategische Aufgaben der kommunistischen Bewegung nach der Oktoberrevolution und nach Lenins Tod

Gramsci hatte in Sowjetrußland vom Frühjahr 1922 bis zum Herbst 1923 nützliche Erfahrungen über die anfängliche Maßnahmen, Probleme und erste Ergebnisse einer Entwicklung zum Sozialismus machen können; und er sah sich „aus westlicher Sicht“ nach seiner Rückkehr aus Moskau mit einer neuen, veränderten Situation konfrontiert, die ihn veranlaßte, sie gründlich zu analysieren, um aus ihr die erforderlichen theoretischen und politisch-strategischen Schlußfolgerungen zu ziehen. Damit erwies er sich als der prominenteste und originellste Marxist nach Lenins Tod, besser gesagt: in der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen.

Zwischen der Oktoberrevolution, dem Ende des ersten Weltkriegs und Mitte der zwanziger Jahre hatten sich demnach tiefgreifende Veränderungen in Europa vollzogen, die seitens der Kommunisten der gründlichen Analyse und Einschätzung bedurften. Den Kommunisten stellten sich dadurch hinsichtlich der marxistischen Theorie, der revolutionären Strategie und des politischen Kampfes vielfältige neue Aufgaben. In diesem Zusammenhang entbrannten heftige Diskussionen, an denen sich viele Theoretiker und Politiker der Arbeiterbewegung, und zwar mit unterschiedlichen Bewertungen, beteiligten (Stalin, Bucharin, Trotzki, Thalheimer, Gramsci, Otto Bauer u. a.).

Für unsere Zwecke wollen wir uns auf den Beitrag Gramscis beschränken. Welche Fragen bedurften generell nach Gramscis Auffassung einer Beantwortung, mit denen auch Gramsci als Parteiführer unmittelbar konfrontiert war?

  • Wie mußte man nach der Oktoberrevolution mit dem Marxismus umgehen?
  • Wie war der historische Platz der Oktoberrevolution aus gesamteuropäischer Sicht einzuschätzen?
  • Wie sind die ersten Erfahrungen des Sozialismus in Sowjetrußland einzuschätzen?
  • Antwort verlangte die Frage nach dem Scheitern der Revolutionen im Westen
  • Welche Konsequenzen hatte die Entwicklung für den Kapitalismus seit der Oktoberrevolution?
  • Wie war der Faschismus einzuschätzen, der sich nach 1922 in Italien etablierte?
  • Welche Schlußfolgerungen drängten sich aufgrund der genannten Entwicklungen für die kommunistische Bewegung auf:
    • für die Revolutionstheorie
    • für den Internationalismus der kommunistischen Parteien
    • für Charakter und Rolle der Parteien?

Dominierend wurden die einseitige, dogmatisierende, simplifizierende Rezeption des politischen und theoretischen Erbes von Marx, Engels und Lenin und die Interpretation der veränderten Situation – mit dem Anspruch auf ein unbestreitbares Interpretation­smonopol – durch J. W. Stalin.

Gramsci betrachtete sich, indem er sich mit diesen Problemen beschäftigte, als Schüler Lenins, wuchs allerdings – auf den theoretischen und strategischen Erkenntnissen Lenins fußend – hinsichtlich der Rezeption und Entwicklung des Marxismus über diesen hinaus.

Im Unterschied zu Stalin verkörperte Gramsci somit den wohl schöpferischsten marxistischen Theoretiker in der kommunistischen Bewegung, von dessen Erkenntnissen und Ansichten noch heute viele zeitgemäß und für das Selbstverständnis und die Politik der sozialistischen Linkskräfte hilfreich sind. Direkt hat Gramsci sich mit Stalin jedoch nicht auseinandergesetzt.

Nochmals sei Togliatti zitiert, der Anfang der 60er Jahre betonte: Gramsci war ein „Denker …, der in Westeuropa in den letzten fünfzig Jahren den größten Beitrag zur Vertiefung und zur Entwicklung der marxistischen Theorie auf der Grundlage einer breiten Kenntnis der gesamten intellektuellen Entwicklungen des ganzen Westens und einer vertieften Kenntnis der Bedingungen unseres Landes geleistet hat.“[2]

Viele Erkenntnisse Gramscis betrafen aber nicht nur die kommunistische Bewegung und den Sozialismus, sondern hatten generelle Bedeutung für den historischen Materialismus und somit für die allgemeine Gesellschaftsthe­orie und Geschichte

[1] Togliatti: Der Leninismus im Denken und Handeln von Antonio Gramsci“. In: Palmiro Togliatti: Ausgewählte Reden und Aufsätze. Berlin 1977, S. 513

[2] Palmiro Togliatti: Problemi del movimento operaio internazionale (1956 – 1961). Rom 1962, S. 127 f.