Besonders betroffen von psychischen Erkrankungen seien Frauen. Von den insgesamt 65.000 ArbeitnehmerInnen, die im Vorjahr wegen psychischer Probleme krankgeschrieben waren, seien zwei Drittel weiblich.
Auch rund 30 Prozent der insgesamt 460.000 Invaliditäts-PensionistInnen würden mittlerweile wegen seelischer Erkrankungen in die Pension geschickt. Auch in diesem Fall seien Frauen überdurchschnittlich stark betroffen; bei ihnen seien psychische Erkrankungen mit 40 Prozent sogar der häufigste Grund für die Frühpension.
Dies sind allerdings nur die offiziellen Kennzahlen, wie sie der Hauptverband bei ArbeitnehmerInnen ermittelt. Die Dunkelziffer dürfte laut ExpertInnen beträchtlich höher liegen: Zum einen, weil das Gros der Erwerbslosen in dieser Zahl überhaupt nicht berücksichtigt ist, zum anderen, da körperliche Leiden wie Herzrhythmusstörungen oder Rückenprobleme oftmals psychische Ursachen haben, die aber auf den ersten Blick nicht erkennbar seien.
Arbeitspsychologen von der Universität Graz führen die Verdreifachung der Burn-Out-Krankheit darauf zurück, dass die Arbeitsbelastung immer größer werde und die ArbeitnehmerInnen mehr und mehr zu „MitunternehmerInnen im Unternehmen“ mit ständig wachsendem Verantwortungsdruck werden.
Sicher ist, dass dies nur ein Aspekt der pandemischen Verbreitung des Burn-Outs ist. So zwingend der Rückschluss auf die massiven Belastungen in der Arbeitswelt nämlich auch scheint, so wenig vermag die Fokussierung darauf einer umfassenden Ursachenforschung gerecht zu werden, zumal dabei die Prekarisierung der gesamten, neoliberal strukturierten Alltagswelt ausgeblendet bleibt: Zum betrieblichen Arbeitsdruck kommt nämlich noch der extreme Leistungsdruck im Alltag hinzu: Arbeitslosigkeit, Minder- oder Teilzeitbeschäftigung, private Überforderung, prekäre, unterbezahlte, nicht Existenz sichernde Beschäftigungsverhältnisse, unbezahlte Arbeit, private Mehrfachbelastung, steigende Armut und wachsendes Armutsrisiko, Unplanbarkeit von Lebensabschnitten, Verlust von gesellschaftlichen und familiären Sicherheiten und Identitäten und sehr vieles mehr.
Die Verdreifachung des Burn-Outs innerhalb kürzester Zeit ist nicht das einzige, aber ein deutliches Syndrom für die massiven Verwerfungen des marktradikalen Systems, das sämtliche Lebensbereiche unter seine pathologische Logik zwingt: Die Desozialisierung, verbunden mit einer zunehmenden Fragmentarisierung unserer Gesellschaft, schreitet ungebremst voran, während die Herrschenden diesen Prozess bewusst ignorieren („kein Handlungsbedarf“, so Gesundheitsminister Alois Stöger) oder ihn sogar fördern. Seine Überwindung ist nur auf radikale Weise durch die Überwindung des kapitalistischen Systems möglich.