KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Alter Vogel, flieg!

(4.3.2009)

Tagebuch einer pflegenden Tochter

Bärbel Mende-Danneberg hat ihre demenzkranke Mutter vier Jahre lang bis zu ihrem Tod gepflegt. Über diese Zeit hat sie Tagebuch geführt, dessen Aufzeichnungen jetzt in Buchform vorliegen. Das sehr persönlich gehaltene Dokument gibt Einblick in den Pflegealltag, der zu 80 Prozent von meist weiblichen Angehörigen im unsichtbaren Privaten geleistet wird. Gebrochen werden die Aufzeichnungen durch Erinnerungen der Autorin an ihre Kindheit im Berlin der Nachkriegszeit und Feldpostbriefe ihres Vaters an die Familie sowie durch tagespolitische Kommentierung zum Thema.

Trotz aller Belastungen möchte Danneberg diese vier Pflegejahre nicht missen, in denen sie viele unbekannte Seiten an sich, an ihrem Mann und vor allem an ihrer fast 95-jährigen Mutter entdeckt hat: Dass bei aller Verwirrtheit viel Neues, Witziges, Berührend und Lustiges möglich ist, macht die Lektüre zu einem spannenden Dokument im Umgang mit Demenzkranken. „Ich wollte meiner Mutter durch unsere Hilfe ermöglichen, noch einige Höhenflüge in ihrem alten Leben erfahren zu können. So zum Beispiel hat sie als Nichtschwimmerin erlebt, wie es sich anfühlt, auf der Wasseroberfläche in unserem Teich zu liegen und von uns gehalten zu werden. Oder sie hat gefühlt, wie schön eine warme Sauna sein kann oder wie anregend es ist, mit den Urenkeln herumzualbern. Ich hatte bei der Wahl des Titels ‚Alter Vogel, flieg!‘ aber auch das Bild vor Augen, Mutter wie einen schwebenden Vogel in die Freiheit entlassen zu können – also letztlich in den Tod“, sagt die Autorin.

Aus dem Vorwort: „Weshalb tun wir uns das bloß an – die durchwachten Nächte, die Ängste und Anstrengungen, die selbst gewählte Isolation und Abhängigkeit, die rigide Einschränkung unseres Lebensraumes? Ein christliches Motiv in dem Sinn, dass wir uns dadurch einen Platz im Himmel versprechen, gab es für uns nicht. Wohl eher war es ein vages Gefühl von Gerechtigkeit oder Mitmenschlichkeit, das uns motivierte, vielleicht auch so etwas wie Sinnsuche in einer ichbezogenen Welt, in der Solidarität gegenüber Schwächeren immer mehr abhanden kommt.

Vielleicht aber wollten wir uns nur schmücken mit unserer Gutheit? Und vielleicht waren es auch finanzielle Motive, denn immerhin trug meine Mutter zu unserem Familieneinkommen bei, wenngleich ein Großteil wieder für die Betreuung durch soziale Dienste oder für fremde Hilfe, die wir gut entlohnten, draufging. Mit dem Pflegegeld Stufe drei, das meiner Mutter nach langen Kämpfen zum Schluss bewilligt wurde, kann man letztlich keine großen Betreuungssprünge machen. Das zusätzlich zum Haushaltseinkommen verfügbare Pflegegeld ist jedoch ein, wenn auch nicht das wichtigste Motiv, weshalb so viele Angehörige bereitwillig Pflegedienste leisten.

Ein Hauptgrund aber sind fehlende, gute und bezahlbare Einrichtungen, in welche man Angehörige guten Gewissens geben könnte. Diese ‚typisch weibliche‘ Tätigkeit wird somit in den privaten Bereich verlagert, womit die öffentliche Hand sich einen Haufen Ausgaben erspart. Mir ist auch klar, dass ich durch meine Pflegearbeit dazu beitrug, das Klischee vom weiblichen Ehrenamt aufrecht zu halten und ein weibliches Rollenbild festigte, das ich eigentlich ablehne. Und dennoch…

Mein Hauptgrund für die Pflege meiner Mutter war ein anderer: Bevor ich 30 Jahre lang als Journalistin berufstätig war, habe ich in meiner Berufszeit als Krankenschwester gesehen, was mit alten, verwirrten Menschen passieren kann. Ich habe zum Beispiel in Berlin/West auf einer psychiatrischen Abteilung erlebt, wie unruhige Patienten am Heizkörper festgebunden wurden, damit sie nicht weglaufen können. Ich habe als Schwester im alten Allgemeinen Krankenhaus in Wien die Betten mit den hohen Netzen gesehen, in welchen Schützlinge mit leeren Blicken lagen und vor sich hindämmerten. In Erinnerung sind mir alte Frauen, die sich durch Trinkgeld die Befreiung von der Schüssel erkaufen wollten. Ich sehe die wund gelegenen Rücken vor mir, die offenen Gesäße, übersät mit Druckgeschwüren, und ich höre das jammernde „Bitte, bitte“. Und schließlich sehe ich die Magensonden, die Infusionen, die Beatmungsgeräte, diese gesamte technisch hochgerüstete Apparatur, durch die alte Menschen daran gehindert werden, in Ruhe sterben zu dürfen.

Vieles ist heute sicher besser geworden als zu meiner Zeit als Krankenschwester. Doch auch heute geschehen die unglaublichsten Dinge in Betreuungsein­richtungen, wie der ‚Fall Lainz‘ in Wien und viele ähnlich gelagerten Fälle in deutschen Pflegeanstalten gezeigt haben. Das alles wollte ich meiner Mutter ersparen.“

Mit dem Erscheinen dieses Buches, für welches Danneberg kürzlich einen Preis der Volkshilfe Österreich für pflegende Angehörige erhielt, verknüpft die Autorin den Wunsch nach mehr Anerkennung und mehr – auch finanzielle- Hilfe für pflegende Angehörige. „Wie überhaupt der Bereich Pflege von demenzkranken und alten Menschen nicht vom Prinzip Sparstift diktiert werden darf. Alle Institutionen und Organisationen, die sich dieser Arbeit verpflichtet fühlen, müssen die notwendige politische und finanzielle Unterstützung erhalten“, fordert Danneberg.

Bärbel Danneberg: Alter Vogel, flieg! Tagebuch einer pflegenden Tochter. Verlag Promedia 2008, mit über 20 Zeichnungen von Julius Mende bebildert, Preis: € 15,90

Veröffentlicht in volksstimmen, März 2009

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