KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Die Oktoberrevolution – Anfang vom Ende einer Vision?

Lenin (rechts von der Tribüne ist auch Leo Trotzki zu sehen) spricht zu Arbeitern und Soldaten.

Von Didi Zach (7.11.2007)

John Reed beschreibt in seinem Buch „10 Tage, die die Welt erschütterten“ eindrucksvoll wie Männer und Frauen, Arbeiter und Arbeiterinnen, Soldaten und Bauern im Oktober 1917 daran gingen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Russland und die ganze Welt, so die Hoffnung nicht weniger, sollten von Grund auf neu gestaltet werden. Ist mit dem tragischen Ende des Realsozialismus und den Verbrechen, die unter Stalin begangen wurden, auch die Vision einer anderen möglichen Gesellschaft obsolet?

Beim Versuch, die Frage zu beantworten, gilt es wohl zuerst, einen Blick auf die Geschichte zu werfen, sich zu fragen, welche Lehren aus der Oktoberrevolution und deren Resultate gezogen werden können.

Die ersten Jahre der Revolution brachten – trotz Bürgerkrieg und Intervention 14 imperialis­tistischer Staaten – Gesetze und Veränderungen hervor, die auf das Leben der Menschen große und positive Auswirkungen hatten. Der Krieg wurde beendet, der Boden den Bauern übergeben, der Kampf gegen den Analphabetismus wurde gestartet, der acht Stunden Tag eingeführt, ein für damalige Verhältnisse fortschrittliches Sozialsystem eingerichtet, die gleichberechtigte Teilnahme aller Völker am gesellschaftlichen Leben sowie das Recht auf nationale Selbstbestimmung und Unabhängigkeit wurde proklamiert. Es gab nun das Recht auf Ehe-Scheidung und die Möglichkeit eines Schwangerschaf­tsabbruchs. Kirche und Staat wurden getrennt – u.v.a.m. wäre hier anzuführen. Mit Alexandra Kollontai wurde erstmals auf der Welt eine Frau Ministerin einer Regierung.

Auch die Fernwirkungen der Oktoberrevolution waren beachtlich: Die Gründung der KPÖ war eine Folge der Oktoberrevolution genauso wie die Gründung der 1. Republik. Um die Arbeiterbewegung ruhig zu halten, wurden auch in Österreich eine Reihe von sozialen Reformen durchgeführt – der Achtstundentag, das Arbeiterurlau­bsgesetz, das Betriebsrätegesetz, die Einrichtung der Arbeiterkammern sind zu nennen.

Okönomische und politische Entwicklungen und vor allem die Folgen des 1. Weltkriegs führten zur Oktoberrevolution. Doch ob die Revolution gelingen würde, war – als die Bolschewiki mit dem Slogan „Alle Macht den Sowjets“ darin gingen, die politische Revolution in eine soziale Revolution überzuführen – nicht absehbar. Noch wenige Monate vor der Oktoberrevolution, im Februar 1917, zählten die Bolschewiki landesweit nur 23.000 Mitglieder, im August waren es dann 200.000 Mitglieder. Selbst im Zentralkomitee der Bolschewiki war Lenin bei der Frage des bewaffneten Aufstands vorerst in der Minderheit. Bedeutende Mitglieder des ZK, wie Kamenew und Sinowjew, waren gegen einen bewaffneten Aufstand. Nicht wenige Marxisten meinten, ein Übergang vom Feudalismus zum Sozialismus wäre unmöglich. Lenin stellte solchen Ansichten seine Meinung entgegen, dass – entgegen von angeblichen „Prognosen“ von Marx – der Bruch beim „schwächsten Kettenglied“ möglich sei. Und Lenin sah – entgegen späteren Verfälschungen durch die realsozialistische Geschichtsschre­ibung – in der russischen Revolution vor allem auch das Fanal für die Weltrevolution, die die entwickelten westeuropäischen Länder zu Ende führen müßten.

Eine Lehre ist, wahrzunehmen, dass die Bolschewiki vor, während und nach der Oktoberrevolution immer wieder mit Fragen konfrontiert waren, auf die es keine vorgefertigten Antworten gab, von Patentrezepten gar nicht zu reden. Dies führte nicht selten zu heftigsten Diskussionen und Streitereien in den jeweiligen Gremien der Partei und der Partei als Ganzes.

Bei John Reed (in der 1961 vom Dietz-Verlag in Berlin veröffentlichten Ausgabe) finden sich eine Reihe von der Redaktion verfaßten Fußnoten zu Kamenew, Sinowjew, Trotzki u.a. wichtigen Bolschewiki. Zu Trotzki, der sowohl im Oktober 1905 wie im Oktober 1917 Vorsitzender des Petrograder Sowjets war, der großartiges beim Aufbau der Roten Armee während des Bürgerkriegs geleistet hat, vermerkt die Redaktion u.a.: „… war Menschewik … Insgeheim ein Liquidator … nahm im Grunde die chauvinistische Position der `Vaterlandsver­teidigung´ ein …verfocht die verräterische Losung `Weder Krieg noch Frieden´… Von 1920 an führte er einen erbitterten Fraktionskampf gegen die Leninsche Parteilinie zum Aufbau des Sozialismus in der UdSSR… wegen parteifeindlicher und konterrevoluti­onärer Tätigkeit aus der Partei ausgeschlossen.“ Eigentlich erübrigt sich jeder Kommentar zu dieser Geschichtsfälsc­hung, die Trotzki als „Liquidator“, „Verräter“ und „Konterrevolu­tionär“ abtut. Eine Lehre sollte sein, Zusammenhänge genau zu analysieren und den eigenen Kopf zu gebrauchen. Fakt ist, dass der Stalinismus die Geschichte der Oktoberrevolution umgeschrieben hat. Und Fakt ist: Stalin und das von ihm geschaffene und beherrschte politische System hat die „alte Garde der Bolschewiki“ in den Schauprozessen der 30er Jahre liquidiert.?Das Wort Stalinismus ist heute so wie vor 10 oder 20 Jahren – zu Recht – auch Synonym für Verbrechen. Für Verbrechen, über die die KPÖ – aus falsch verstandener Solidarität – viel zu lange hinweg gesehen hat, zu welchen die KPÖ – leider – viel zu lange geschwiegen hat. Die Soldarität mit der Sowjetunion war keine kritische, sondern eine bedingungslose – was zu den Idealen unsere Sache im Widerspruch stand und zugleich, wie sich spätestens in den Jahren 1989/1991 zeigte, weder für die aufrichtigen KommunistInnen im Westen, noch für jene im Osten von Nutzen war – eine Lehre, die wir beherzigen sollten.

Mehr als 15 Jahre nach dem Zusammenbruch des realsozialistischen Systems ist aber klarer denn je, dass die Welt, so wie sie ist, nicht bleiben kann, nicht bleiben darf. Nicht selten hat es zwar den Anschein, dass die transnationalen Konzerne, WTO, IWF, die US-Administration und die EU-Eliten sowieso unbeeinflußbar sind, doch ein genauer Blick zeigt anderes. Die ursprüngliche EU-Verfassung z.B. wurde durch Referenden in Frankreich und den Niederlanden gekippt. Und klar ist: auch die Herrschenden sind kein homogener Block. Differenzen und Widersprüche innerhalb und zwischen den herrschenden Blocks können genutzt werden.

Noch wichtiger ist aber, sich Grundlegendes in Erinnerung zu rufen: Solange der Kapitalismus herrscht wird es Ausbeutung und Unterdrückung geben. Und ein Blick in die Geschichte und die Gegenwart zeigt: Ausbeutung und Unterdrückung rufen notwendiger Weise auch Widerstand hervor. Ob dieser Widerstand, diese Gegenkräfte sich durchsetzen können, ist nicht gewiss, da Politik immer ein offener Prozess ist. Welche Rolle dabei Kommunistische Parteien spielen können, ist ebenfalls offen. Aber gewiss ist: „Menschen machen Geschichte“, wenn auch unter vorgefunden Umständen. Gewiss ist: Unser Denken und Handeln – als Individuen und als Kollektiv – ist nicht ohne Folgen.

Die Oktoberrevolution hat gezeigt, wozu Menschen in der Lage sind. Wenn es der KPÖ als Partei gelingt, theoretisch und praktisch Antworten auf die Probleme der Gegenwart und Zukunft zu geben, wenn es der KPÖ gelingt, die Menschen davon zu überzeugen, dass eine andere Welt notwendig und möglich ist, dann werden wir – gemeinsam mit vielen, vielen anderen Menschen „all over the world“ – den Lauf der Geschichte beeinflußen.

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