KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Humanitärer Korridor für Afghanistan



"Hier ist uns noch kein Lebensmittelpaket auf den Kopf gefallen." Rupert Neudeck vom Komitee CAP ANAMUR/Deutsche Notärzte e.V. im Gespräch. Publiziert in Volksstimme, Nr. 42/2001 vom 18. Oktober 2001

Hilfsorganisationen warnen seit den US-Angriffen auf Afghanistan immer eindringlicher vor einer sich abzeichnenden humanitären Katastrophe. Wie ist die humanitäre Lage im Norden Afghanistans?

Die Bevölkerung ist schon jetzt nicht mehr ausreichend versorgt, und wir stehen vor einem Winter, der die Situation noch weiter verschärfen wird. Die ganze Region hier von der Provinz Tschagtscharan bis hinunter ins Pandschir-Tal hat einen riesigen Bedarf an Hilfe. Doch wir vermissen die große humanitäre Offensive der EU-Regierungen. Auch wir brauchen Unterstützung angesichts der komplizierten Überfahrtbedingungen für Lkw aus Tadschikistan. Das ist im Augenblick der einzige Staat, der als Transitland dienen kann. Gibt es neben den Militärschlägen keine politische Offensive, die etwa zu einer Verfassung für Afghanistan führt oder einer Interimsregierung der UNO, dann geht dieser Kampf verloren.

Haben Sie Hilfe der deutschen Bundesregierung?

Bisher nicht. Deshalb meine Bitte an Berlin, in Tadschikistan ein humanitäres Büro des Auswärtigen Amtes einzurichten, das den Hilfsorganisationen alle nur denkbare Unterstützung bei den Formalitäten gibt. Denn die Bürokratie ist geradezu irrsinnig, wenn man wie wir jetzt eine Iljuschin mit 40 Tonnen Material hier landen und umladen lassen will. Man braucht Genehmigungen der tadschikischen Behörden, der russischen Militärverwaltung an der Grenze der afghanischen Seite – wir stehen aber im Wettlauf mit der Zeit. Schon jetzt graben sich Hunderttausende vorsorglich in Erdlöchern ein. Und es wird noch viel kälter.

Gibt es schon akute Hungerprobleme?

Noch haben wir keine ?äthiopische Situation?, also flächendeckenden Hunger. Und es kommen auch wieder Nahrungsmittel herein, wie jetzt 250 Tonnen durch eine französische Organisation. Doch das reicht alles nicht. Wir brauchen dringend einen humanitären Korridor, der von der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe bis in den Norden Afghanistans führt.

Gibt es Flüchtlingsströme in Richtung Landesnorden?

Das konnten wir noch nicht feststellen. Aber das heißt nichts für das riesige Land. Hier hat man im Augenblick ohnehin genug zu tun mit jenen Menschen, die vor einem guten Jahr zu Hunderttausenden aus den Taliban-Gebieten in die Nordregion geflohen sind.

Die US-Amerikaner präsentieren sich den Afghanen nach dem Motto ?Brot und Bomben?. Wie sehen Sie diese von Hilfsorganisationen viel kritisierte Strategie?

Hier ist uns noch kein Lebensmittelpaket auf den Kopf gefallen. Aber das ist natürlich eine reine Publicity-Aktion. Das hat nichts mit einer vernünftigen Versorgung der Menschen zu tun. Es ist Unfug. Der Abwurf solcher Pakete durch ?Rosinenbomber? war in der jüngeren Geschichte stets Ausdruck einer verfehlten Politik. Wir wollen, dass die Mittel, die diese Aktion kostet, für wirklich nachhaltige Maßnahmen die möglichst vielen Menschen zugute kommen, eingesetzt werden.

Wie schätzen Sie die militärische Lage ein? Bereitet die Nordallianz im Schatten der Luftangriffe eine Offensive vor?

Das ist nun weniger mein Gebiet. Aber so viel kann ich sagen: Vernünftigerweise hat die Führung der Nordallianz vor ein paar Tagen mitgeteilt, dass sie jetzt keine große Offensive starten will. Aus drei Gründen: Einmal macht es militärisch keinen Sinn, die Städte zu erobern. Zum anderen müsste man mit vielen Toten unter der Zivilbevölkerung rechnen, und das will man im Moment natürlich vermeiden. Und schließlich und vor allem – ich kann nicht sehen, dass die Nordallianz schon stark genug wäre für eine solche Offensive. Wenn man sich als humanitärer Helfer unter den konkreten Bedingungen überhaupt militärische Erfolge wünscht, dann mit Blick auf einen sicheren Flughafen, Masar-i-Scharif etwa, um schneller und umfassender Nahrungsmittel, Medikamente und medizinisches Gerät für die leidende Zivilbevölkerung ins Land bringen zu können. Aber auch das kann ich im Moment noch nicht sehen.

Interview: Olaf Standke

' Zur Person: Rupert Neudeck (62) ist Gründer, langjähriger Vorsitzender und heutiger Sprecher des Komitees CAP ANAMUR/Deutsche Notärzte e.V. Die bekannte Hilfsorganisation CAP ANAMUR will im Norden Afghanistans ein Krankenhaus aufbauen. Der Plan wird von Shah Ahmed Massud, dem Bruder des ermordeten Nordallianz-Kommandanten, und anderen Vertretern der Anti-Taliban-Bewegung unterstützt. Rupert Neudeck ist mit Kollegen in der Region, um das Projekt vorzubereiten.

Spenden bitte an: Cap Anamur (www.capanamur.org)
Kenntwort ?Afghanistan?
Stadtsparkasse Köln
Konto Nr. 222 22 22
BLZ 370 501 98

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